Gedanken und dieses & jenes

Alternativen zu Rambus

Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon cell1 » 21.08.2015, 16:33

VHC Anfang 2013 noch bei über 30$ dann auf 15 $ gefallen jetzt deutlich unter 3$ was für ein Absturz :? :) hatte damit bei der Firma gerechnet.
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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon cell1 » 27.08.2015, 20:58

IDCC donnerstag 21,690 Block kurz vor Schluß :roll:
Bei Rambus dauerten die Beratungen über den Zeitpunkt und es ging schief in Kalifornien, später stellte sich heraus einige Jurymitglieder sind beeinflußt worden. Ein anderer sagte es war ihm alles egal er hatte nicht hingehört gleich nach der Urteilsverkündung.
Heute bei IDCC Urteils-Verkündung! volle Zeitspanne oh je.
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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 08.09.2015, 20:30

@ all

SdK hält geplante Regelungen zum Delisting für unzureichend

Eine gut gemeinte Gesetzesinitiative im Zusammenhang mit Regelungen zum Delisting würde aus Sicht der SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. aufgrund einer vorgesehenen Ausnahmeregelung zu einer Verschlechterung des Aktionärsschutzes im Zusammenhang mit Übernahmeangeboten führen. Die SdK lehnt daher die aktuellen Vorschläge ab und regt Nachbesserungen an.


München - Sehr kurzfristig haben die Fraktionen von CDU/CSU und SPD in einem laufenden Gesetzgebungsverfahren am 31. August 2015 einen Änderungsantrag mit Regelungen zum Delisting eingebracht, zu dem bereits am Montag, den 07. September 2015 eine Anhörung stattfand, an der die SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. als Vertreter der freien Aktionäre teilgenommen hat.

Nachdem im Jahr 2012 das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) entschieden hatte, dass eine Delisting- oder Downgrading-Entscheidung nicht zwingend einen Eingriff in die Eigentumsrechte der Aktionäre darstelle, kippte der BGH im Jahr 2013 seine Entscheidung aus dem Jahre 2002, die unter dem Namen Macrotron-Urteil Bekanntheit erlangte. Die aktuelle Rechtslage stellt sich seitdem wie folgt dar: Die Down- und Delistingentscheidung liegt nicht mehr in der Kompetenz der Hauptversammlung und die Aktionäre erhalten für den Verlust ihrer Eigentumsrechte keinerlei Entschädigung mehr.

Die zuvor genannten höchstrichterlichen Entscheidungen lösten eine Welle von Down- und Delisting-Entscheidungen aus. Seit Oktober 2013 zogen sich zahlreiche Unternehmen aus dem Börsenhandel zurück. Mehrere Studien zeigten seitdem deutlich, dass das BVerfG bei seiner Rechtsprechung von falschen Annahmen ausging. Mittlerweile gilt als erwiesen, dass nach Ankündigung eines Delistings- oder Downgradings ein regelmäßig massiver Kursverfall einsetzt.

Reine Orientierung am Börsenkurs nicht angemessen

Der nun eingebrachte Regelungsansatz ist aus Sicht der SdK als unzureichend abzulehnen. Denn das aktuell bei einem Delisting vorgesehene verpflichtende Übernahmeangebot, welches sich ausschließlich am Aktienkurs orientiert, spiegelt in vielen Fällen nicht den wahren Wert des Investments wieder, insbesondere nicht in Zeiten eines schwachen Börsenumfeldes. Hier erscheint aus Sicht der SdK eine Regelung sinnvoll, die neben des Börsenkurses auch den von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfungsinstitut zu ermittelnden Unternehmenswert mit in die Wertermittlung einbezieht. Ferner sollte die Angemessenheit des Übernahmeangebotes gerichtlich im Wege eines Spruchverfahrens überprüft werden können.

Ausnahmeregelung ermöglicht Erpressung

Als eine deutliche Verschlechterung zur aktuellen Regelung ist die im Regelungsansatz vorgesehene Ausnahme zu bezeichnen, nach der nach einem erfolgten Übernahmeangebot kein Schutzbedürfnis der verbliebenen Aktionäre mehr bestünde. Diese würde Übernehmer geradezu einladen, in schlechten Börsenzeiten ein Übernahmeangebot für unterbewertete Aktien abzugeben und so die Aktionäre von einer Kurs- und Werterholung abzuschneiden. Aufgrund des allein mit der Möglichkeit des Delistings zu erwartendem weiteren Kursverfall und der erheblichen Erschwerung der Aktionäre, sich nach einem Delisting von ihren Aktien zu trennen, wird den Aktionären gar nichts anderes übrig bleiben, als das Übernahmeangebot anzunehmen. Daher ist dies aus Sicht der SdK eindeutig abzulehnen.

SdK begrüßt Initiative der SPD

Der SPD-Bundestagsfraktion hat im Anschluss an die Anhörung vom 7. September 215 Nachbesserungen an den derzeitigen Regelungsansatz angekündigt. Die SdK begrüßt dies ausdrücklich.

München, 8. September 2015
SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V .




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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 11.10.2015, 21:23

@ derkonservative

Im privaten Bereich findest Du eine konservative Anlageanregung für den
Konservativen . :?


Grüße !



johannes


P.S. : Nicht das wir uns nochmal mißverstehen. (siehe privater Bereich) :?
Nicht das Forum langweilt mich von Anfang an, sondern das "soziale Theater" von
einigen Forummitglieder um gar nichts ist für mich langweilig.
Was soll dabei heraus kommen ?
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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 23.12.2015, 22:28

@ all

Reportage

Der digitale Lenin hinter der Blockchain

21. Dez 2015, Hannes Grassegger

Eine neue Technologie elektrisiert die Finanzwelt: Blockchain. Einer der führenden Köpfe dahinter ist der Russe Vitalik Buterin.
In der Schweiz bastelt der 21-jährige an einer revolutionären Software.
Vitalik Buterin ... leitet das Softwareprojekt Ethereum – das Investoren begeistert und Banken Angst macht

Vor einer dieser Hecken, hinter denen sich Leute mit Geld verbergen, steht ein hochgewachsener junger Mann in Socken. Seine Haut ist weiß, ein ausgewaschenes T-Shirt schlabbert um die Hühnerbrust. Auf seinem zarten Hals ruht ein großer, eckiger Kopf mit tief in den Höhlen vergrabenen Augen. Wie ein Reh am Waldrand blickt er in Richtung der kleinen Straße, die sich entlang eines Bachlaufs windet. Als der Besucher in Hörweite ist, winkt der junge Mann sanft und sagt mit weicher Stimme einfach nur „Hey“.

Das ist er also: Vitalik Buterin, 21 Jahre alt, russisches Software­Genie, das von Baar, Kanton Zug, aus operiert und bei dem sich die Finanzwelt fragt, ob es ihr Todesengel ist. Oder doch der Messias.

Zwei Wochen später werden sie in London vor diesem knabenhaften Enigma sitzen, all die CIOs und CTOs der Großbanken und Fondsgesellschaften, um sich bei einer Veranstaltung in der Schweizer Botschaft anzuhören, wie seine neuen Codezeilen ihre Imperien überflüssig machen. Sie werden um ihn herumstehen, ihm zuhören, an seinen Lippen hängen, und ihre Augen werden tatsächlich glänzen.

Vitalik Buterin führt den Gast zum Eingang eines schicken dunkelgrauen Kastenbaus mit schmalen Fenstern. Könnte auch eine Architektenvilla sein. Es läuft elektronische Musik. Im dritten Stock ist das Office, kein Papier, keine Regale, nur ein endlos langer Tisch, vollgestellt mit PCs und Macs. Auf der Etage darunter wohnen und schlafen ein Dutzend Programmierer. Buterin arbeitet sieben Tage die Woche. Sonst würde ihm langweilig, sagt er.

„Holon 000“ nennen sie das Gebäude, manchmal auch „Raumschiff Ethereum“. Ethereum: So heißt Vitaliks Vision einer perfekten Blockchain, einer globalen Software, die einen unfehlbaren Austausch von Werten ermöglicht. Das ist es, was die Programmierer eint, die hier zusammengekommen sind: der Glaube, so etwas wie das Neue Testament der digitalen Finanzepoche zu verfassen.

Die Blockchain ist in den letzten Monaten zum Schlagwort Nummer eins in der Finanzbranche geworden. Fachmedien überbieten sich mit Berichten, im Herbst schlossen sich eine Reihe von Banken – darunter Goldman Sachs, JP Morgan, UBS und Credit Suisse – zusammen, um an einem gemeinsamen Standard zu forschen. Mittlerweile ist das Wort „Blockchain“ sogar ins Oxford Dictionary aufgenommen.

Der Begriff taucht vor allem im Zusammenhang mit der digitalen Währung Bitcoin auf – dabei geht die Idee darüber hinaus: Die Macher schwärmen von intelligenten Verträgen, von E-Voting-Systemen, die nicht manipulierbar sind, von einer Technologie, die unsere Welt mit ihren Datenbanken, Archiven und Servern revolutionieren könnte. Und einer der führenden Köpfe ist Buterin.

Er tritt auf die Terrasse, in Socken. Auf der anderen Seite des Bachs liegt der Hauptsitz von Glencore, des weltgrößten Rohstoffkonzerns. Aber den kennt Vitalik nicht. Rohstoffe, das ist physische Sphäre. Nicht seine Welt. Er lehnt sich über das Geländer. Von Zug hat er noch nicht viel mitbekommen. Er hätte überall hinziehen können, wo die Regulierungen nicht zu streng sind. London, Singapur, Hongkong. „Das hier ist nicht das Silicon Valley.“ Er deutet auf die Berge. „Das hier ist Silicon Mountain.“ Das gefällt ihm.

Dank seines Programms, sagt er, könnte es eines Tages Firmen geben, die sich selbst gehören. Vollständig von Computerprogrammen geführt, die ihre Geschäfte auf der Basis von Smart Contracts – selbstausführenden digitalen Vertragswerken – tätigen. Wie selbstfahrende Taxis, die auf sich selbst registriert sind und ihre Wartung durch die Einnahmen finanzieren. Es ist die kühne Vision, den Kapitalismus an Maschinen abzugeben. Die Idee hat er aus einem Buch von Daniel Suarez. Science Fiction liest Buterin gerne.

World-of-Warcraft-Dilemma

Wenn er spricht, klingt er wie Siri, die Computerstimme des iPhones. Seine hellblauen Augen wandern hin und her, als würde er gerade von einem Bildschirm ablesen. Er ist im Netz aufgewachsen. Schon mit zehn programmierte er in der Computersprache C++. Mit niemandem teilt er mehr als mit dem Internet. Niemandem hat er sich so sehr anvertraut. Das Netz hat ihm Mandarin beigebracht, das braucht er jetzt häufig auf seinen Reisen nach China. Auch Deutsch. „Aber das spreche ich nur selten mit Menschen“, sagt er.

In der realen Welt wirkt er schüchtern, bei Gesprächen hält er Abstand von ein bis zwei Metern. In der Welt der Bits aber ist er ein digitaler Lenin. Nur im Netz, sagt Buterin, habe er Menschen gefunden, die es in Diskussionen mit ihm aufnehmen konnten. So ausufernd sind viele seiner Posts, voll wiederkehrender Fachbegriffe, dass Spötter einen Algorithmus programmierten, der ähnlich klingende Reden verfasst. „Etherische Verse“ nennen sie das.

Wer verstehen will, wie Buterin zu einem der führenden Blockchain-Köpfe wurde, muss vier Jahre zurückschauen, als er 17 Jahre alt ist. Damals erzählt ihm sein Vater, ein Software-Unternehmer, von der digitalen Währung Bitcoin. Als er im Internet davon liest, beginnt er, die Sache ernst zu nehmen.

Wie viele seiner Generation ist Vitalik ein World-of-Warcraft-Spieler. Ein netzbasiertes Kampfspiel, bei dem man Waffen und Rüstungen kaufen muss. Was ihn vor ein Problem stellt, das vielen minderjährigen Gamern bekannt ist: Wie sollte er ohne eigenes Geld an die Waffen herankommen? Ein bisschen Bargeld hat er ja, aber kein Zahlungsmittel, das er im Netz einsetzen kann. Keine Kreditkarte, kein Konto. Ein Schicksal, das er mit einem ziemlich großen Teil der Weltbevölkerung teilt. Allein in den USA, dem Kreditkartenland, besitzen etwa zehn Millionen Haushalte kein Bankkonto.

„Zahlungssysteme haben viel mit Freiheit zu tun“, sagt Buterin. „Ich habe früh angefangen, anarchistische Literatur zu lesen. Sozialistische Anarchisten wie Bakunin und Kropotkin, aber auch radikal marktliberale wie Ayn Rand.“ Besonders packt ihn der Streit zwischen dem linken Marktkritiker Pierre­Joseph Proudhon und dem Ökonomen Frédéric Bastiat, der freie Marktpreise als Ausdruck göttlichen Wirkens sah. Eine Kernfrage der Debatte war die Rolle des Geldes: Wenn Geld Macht ist und Politik die Organisation der Macht, dann regiert derjenige, der die Geldströme lenkt. „Auch darum fand ich Zahlungssysteme im Internet interessant.“

Diese Zahlungssysteme im Netz sind auch heute noch eher unterentwickelt, Geldtransfers unsicher. Und jeder muss immer eine Menge Informationen preisgeben, Kartennummer, Name und Adresse, an Unbekannte. Braucht man all diese Informationen? Auf einen Geldschein muss man ja auch nicht seine Adresse schreiben.

Vertrauensmangel im Netz

Buterin findet das nicht nur widersinnig, ihn stört, dass man dafür auch noch zahlen soll. Bei jeder Zahlung mit einer Kreditkarte agieren im Hintergrund mehrere Firmen, verlangen Sicherungscodes und Verifizierungen – und dafür lassen sie sich bezahlen. Für das fehlende Vertrauen. Ein gewaltiger Vertrauensmangel im Netz, so befindet der damals 17-Jährige, ist der Grund für die komplizierten Vorgänge und somit für all die Gebühren – ein milliardenschweres Geschäft. Und die Grundlage für Unternehmen wie Visa, Mastercard oder Paypal. „An dem Tag, als ich mir Bitcoin zum ersten Mal genauer ansah“, sagt Buterin, „verstand ich, dass Zahlungen ohne Mittelsmänner möglich sind.“

Er erkennt, dass eine andere Welt möglich ist. Bitcoin-Überweisungen sind fast kostenlos. Die Gebühren sind mikroskopisch, egal wie hoch die Summe ist und wohin sie geht. Zudem muss man nur die anonyme Empfängeradresse aus Zahlen und Buchstaben plus den Absender eingeben. Als würde man eine E-Mail verschicken: 30 Bitcoins von XY an ZW am 22.11.2015 um 17.05 Uhr.

Buterin richtet sich an seinem Geländer auf, dreht seinen großen Kopf Richtung Berge. Es ist ein sonderbares Haus, in dem er mit seinen Mitstreitern wohnt, weil alles so sauber und leer ist. Keine Pizzaschachteln, keine Batterien von Red Bull und Cola wie in Hollywood-Filmen, kein schmutziges Geschirr. Selbst auf dem Wohnstockwerk, alles clean, ein einsamer handgeschriebener Zettel hängt an der Wand: Hier kein Geschirr abstellen.
In dem Haus der Blockchain-Programmierer sieht es nicht aus wie im Film – alles ist ordentlich.

Dieses Haus ist kein Zuhause, sondern reine Notwendigkeit für Menschen, die gar keinen Ort brauchen in dieser Welt, die immer irgendwie Durchreisende sind.

Vor einigen Jahren also installiert sich Vitalik Buterin die Bitcoin-Software. Um Bitcoin zu nutzen, speichert jeder Nutzer zuerst die komplette Geschichte aller je getätigten Bitcoin-Zahlungen. Jeder Computer, der Bitcoin nutzt, unterhält somit ein allumfassendes, von allen einsehbares Kontobuch. Derzeit ist es 45 Gigabyte groß. „Die Idee von Bitcoin ist extrem einfach“, sagt Buterin, „ein Kontobuch für alle.“ Er kann genau sehen, auf welchem Nummernkonto welche Summen liegen – und wohin sie fließen.

Vitalik ist Teil geworden einer gewaltigen Bitcoin-Bank, betrieben von allen Nutzern. Genau darin liegt die Idee zur Umgehung der Finanzunternehmen. Mit diesem globalen Kontobuch kann nichts passieren, keine Fälschung, weil ja auf jedem Rechner eine aktuelle Kopie des Buches liegt. Alle paar Minuten werden alle neuen Überweisungen weltweit verzeichnet und allen Rechnern zugespielt. In komprimierter Form, als sogenannte Blocks. So entsteht im Lauf der Zeit eine Kette von Beweisen – die Blockchain. Würde ein Computer gehackt oder versuchte jemand zu betrügen, es gäbe Millionen Beweise in der Blockchain. Nur deshalb funktioniert das Bitcoin-System. Blocks mit Bitcoin-Transaktionen sind wie an einer Kette aufgereihte Perlen.

Die Blockchain als weltweites dezentrales Buchhaltungssystem wurde Ende 2008 erfunden, von einem mysteriösen Schöpfer, der sich als Satoshi Nakamoto ausgab, dessen Identität aber bis heute unklar ist. In einem neunseitigen PDF veröffentlichte er die Grundlagen – und tauchte nie wieder auf.

Um Bitcoins zu erwerben, begann Buterin 2011 für einen Fachblog zu schreiben, der fünf Bitcoins je Artikel zahlte, was damals umgerechnet einem Stundenlohn von etwa einem Dollar entsprach. Die Schreiberei war optimal, um sich weiter einzuarbeiten.

Bitcoin war als Attacke auf das Finanzsystem angelegt, das zeigte schon der Zeitpunkt, zu dem Satoshi Nakamoto die virtuelle Währung einführte: kurz nach Beginn der Finanzkrise. Die Bitcoin-Gemeinde wuchs damals schnell, zog aber nicht nur Idealisten, Libertäre und Anarchisten an, die von einem neuen Geldsystem träumten, sondern auch Kriminelle, Spekulanten und Hacker.

Wie die Gemeinde wuchs auch der Wert von Vitaliks Bitcoins, und auch sein Einfluss stieg. Immer wenn er ein paar Bitcoins verdient hatte, durchströmte ihn das Glücksgefühl, an einer neuen Welt mitzubauen: einer Welt, frei von den zentralen Hütern des Geldes.

2012, mit 18 Jahren, ist er in der Szene bereits eine führende Stimme. Mit Freunden gründet er das „Bitcoin Magazine“. Auf das Cover der ersten Ausgabe setzt er die Maske des englischen Revolutionärs Guy Fawkes, jene Maske, die auch von den Mitgliedern des Hackernetzwerks Anonymous verwendet wird.

Vitalik Buterin geht auf der Terrasse hin und her. Plötzlich macht er halt und schaut dem Besucher ausnahmsweise in die Augen: „Später habe ich zufällig durch Wikileaks erfahren, dass unser Magazin in einem Bericht des italienischen Geheimdienstes auftauchte.“ Jetzt lacht er tatsächlich.

Bald wird Buterin klar, dass man mit der Blockchain noch mehr machen könnte als Geld. So, wie sie bisher genutzt wurde, war die Blockchain ein digitaler Tresor, in den man Bitcoins steckte. Im Prinzip konnte dieses System aber für jede Art von Wert verwendet werden, egal ob Auto, Haus oder Aktie. Ein dezentrales Verzeichnis für sämtliche Vermögenswerte mit einer sicheren Möglichkeit, diese Werte zu transferieren: Könnte man damit nicht jede Art von Bürokratie abschaffen, die solche Vorgänge erfasst? Grundbuchämter, Notare, ganze Behörden?

„Dass wirklich etwas daraus werden könnte, sah ich auf meiner ersten Bitcoin-Konferenz 2013 in Seattle“, erzählt er und nähert sich dem Besucher bis auf einen Meter. „Da waren richtige Menschen aus Fleisch und Blut, die alle einen ähnlichen Traum hatten.“ Menschen aus Fleisch und Blut. Das hat ihn beeindruckt. Wenn er sich freut, sieht er aus wie ein viereckiger Smiley.

Im Sommer desselben Jahres dann der Schock: Edward Snowden enthüllt, wie die NSA das Internet unterwandert hat. Vitalik Buterin fühlt sich betrogen von seinem besten Freund, dem Internet. Der Kampf für ein freies Netz wird zu einer persönlichen Sache. Kurze Zeit später schmeißt er das Informatikstudium an der renommierten University of Waterloo in Kanada (die Eltern emigrierten von Russland nach Kanada, als er sechs Jahre alt war). Der 19-Jährige geht mit seinem Ersparten auf eine halbjährige Weltreise. Um die Revolution voranzutreiben.

In Tel Aviv begegnet er Software-Entwicklern, die bereits an der Verwirklichung seines Traums arbeiten: Sie entwickeln selbstausführende Verträge, Smart Contracts, die ohne Rechtsabteilungen funktionieren, weil ihre Ausführung durch die Blockchain kontrolliert wird.

Ethereum wird geboren

Doch es gibt ein Problem: Buterin sieht, wie hochtalentierte Programmierer sich abmühen, mit Satoshi Nakamotos Blockchain einfachste Verträge zu programmieren. Er erkennt, dass es Zeit ist, ein Sakrileg zu begehen: Eine neue Blockchain muss geschaffen werden – ein leicht zu bedienendes, dezentrales Register für alles. Und vor allem eines, das leistungsfähiger ist – so wie einst Windows das Betriebssystem DOS ablöste.

Buterin verfasst ein Konzeptpapier, eine Mischung aus Politik, Spieltheorie und Mathematik, und tauft seine Vision „Ethereum“, nach Aristoteles’ Idee vom Äther als einem allgegenwärtigen fünften Element. Auch seine Blockchain soll allgegenwärtig sein und auf allen teilnehmenden Rechnern laufen. Ein Weltcomputer!

Er schickt die Idee an enge Bekannte, in wenigen Wochen hat er eine Nerd-Armee aus hochkarätigen Programmierern beisammen. Viele Mitglieder seines Teams haben steile internationale Karrieren hinter sich.


Während viele in der Bitcoin-Szene Buterin als Abtrünnigen sahen, wird bald das Silicon Valley aufmerksam. Als erster Peter Thiel, reich geworden mit Investments in Paypal und Facebook. Er hat eine Stiftung gegründet, die Stipendien an digital Hochbegabte vergibt. Bis dahin hatte Buterin noch nie reales Geld verdient. Jetzt erhält er von Thiels Stiftung 100.000 Dollar.

Investoren beginnen, ihn als Wunderkind zu sehen. Alsbald verkündet Buterin, er wolle mittels Crowdfunding Geld sammeln – „für eine dezentralisierte Publikationsplattform mit nutzergenerierten digitalen Verträgen und einer Turing-vollständigen Programmiersprache“. Mit diesem Schwurbel-Pitch stellte er einen Weltrekord im Crowdfunding auf: 18 Mio. Dollar in vier Wochen. Kurze Zeit später gewinnt er den World Technology Award, zu dem Partner wie „Fortune“, „Time“, Nasdaq und Cisco gehören.

Vitalik Buterin, gerade 20 geworden, hat das Silicon Valley erobert. Für ihn ist es erst der Anfang.

Etwa zu dieser Zeit beauftragt er seinen langjährigen Freund Mihai Alisie, den besten Standort für einen Firmensitz zu finden. Digitalwährungen, zu denen Ethereum technisch gehört, sind rechtlich heikles Neuland. Sind sie hochregulierte Währungen? Anlageformen? Eigentumsgegenstände wie ein Haus?

Ende Januar 2014 landet Mihai Alisie auf dem Flughafen Zürich-Kloten. Das Ziel ist die Stadt Zug, in der bereits einige Bitcoin-Unternehmen arbeiteten: Die Gesetzgebung scheint unkomplizierter als anderswo, lokale Politiker lassen mit sich reden. Der Empfang sei warm gewesen, erinnert sich Alisie. Innerhalb eines Monats hat er eine GmbH gegründet mit Sitz in Baar.

Was treibt diesen Vitalik Buterin an? Will er nicht auch eines Tages eine Familie gründen? Buterin fährt sich durchs struppige Haar. „Eher nicht. Ich finde es besser, meine Ideen weiterzugeben als mein Erbgut. Wenn 10.000 Leute meinen Blog lesen, dann ist das doch, als hätte ich 10.000 Kinder.“

Für Banker ist er ein Guru

Dann kehrt er zurück zum Wesentlichen: „Als wir hier die Firma gründeten, dachte ich, wir seien kurz davor, unsere Blockchain zu vollenden.“ In Wahrheit stand noch viel Programmierarbeit bevor. Und der Weg durch die Institutionen. Es wurde für ein paar Monate still um ihn.

Anfang dieses Jahres kamen plötzlich Anfragen von Samsung und IBM. Sie würden seine Software gern ausprobieren. Dann meldete sich das World Wide Web Consortium W3C, ein mächtiges Netzgremium: Man wolle Ethereum in die „Globale Kommission für Zahlungssysteme“ aufnehmeneine Kommission, in der Google, Telekom, Apple und zahlreiche Großbanken vertreten sind.

Letztere hatten gerade erst begonnen zu verstehen, dass die seltsame neue Speichertechnologie wohl der Grund dafür war, dass aus einem Codehaufen namens Bitcoin, trotz des Widerstandes von Staaten und Banken, in wenigen Jahren ein milliardenschweres Geldsystem geworden war. Und Ethereum, dämmerte es ihnen, war eine Weiterentwicklung dieser seltsamen Technologie.

Die Banken könnten gewaltige Kosten sparen

Als erste Bank sprang die UBS auf. Im April verkündete das Institut die Gründung eines Blockchain-Forschungslabors im Londoner Hochhaus Level 39, einem glitzernden Prestigebau in den Docks. Man experimentiere dort mit Ethereum, erklärt UBS-Cheftechnologe Stephan Murer. Die Blockchain sei ein moderner Tresor – und extrem skalierbar in der Anwendung.

Eines der ersten Projekte auf Grundlage von Ethereum war die Erstellung von „Smart Bonds“. Zudem erwägt die Bank, eine Handelsplattform für Aktien zu bauen, die auf einer eigenen Blockchain basiert.

„Es besteht Potenzial, die Blockchain in Bereichen einzusetzen, in denen sich zwei Partner nicht trauen und die Bank die Absicherung übernimmt“, sagte Murer. „Wie im Trade-Financing. Stellen Sie sich Containershipments vor, bei denen sich die Container, gekoppelt an einen Smart Contract, erst öffnen, wenn eine Zahlung eingegangen ist.“ Denkbar sei auch die Ersetzung komplizierter Clearingstellen. Nicht nur Murer wirkt euphorisiert. Die Banken könnten gewaltige Kosten sparen.

An einem Tag im Herbst sitzt Vitalik Buterin in der Schweizer Botschaft in London. Der Botschafter, eine elegante Erscheinung mit Michael-Caine-Brille, eröffnet den Abend: Heute gehe es um eine „potenziell revolutionäre Technologie“, an der in Zug gearbeitet werde, „im sogenannten Crypto Valley“.

Buterin, in schwarzen Turnschuhen und weißem T-Shirt, ist Hauptgast und wurde in der Mitte des Panels platziert. Zu seiner Linken die Spitzen der Bitcoin-Welt, rechts die Forschungsleiter von UBS und Bank of England. Vor ihm im Botschaftssaal aus dunklem Granit und Holz über 100 Gäste in Anzügen, aufgelockert durch das eine oder andere Deuxpièces. Finanzsektor, Führungsebene. Banken, Versicherer, Anleger, Beratungsfirmen.

Die Stimmung ist aufgeregt. Am Vortag wurde die Gründung des Blockchain-Verbundes bekannt, der mittlerweile zwei Dutzend der weltgrößten Banken vereint. Die Institute stecken in der Zwickmühle: Wenn sie die Technik ignorieren oder gar dagegen ankämpfen, könnten sie hinweggefegt werden. Wenn sie sie nutzen, könnten sie gigantische Kosten sparen – würden sich aber auch von innen auflösen.

Unblutige Revolution

Vitalik Buterin bewegt die Lippen, als flüstere er sich etwas zu. Unter den Zuhörern ist eine junge Frau, ihr Blick folgt jeder seiner Bewegungen. Sie ist nur gekommen, um ihn zu sehen. „Vitalik ist aus einer anderen Welt“, sagt sie. „Ein Alien. Oder eher ein Mensch, der aus der Zukunft gekommen ist. Um zu helfen.“

Gebannte Ruhe, als Buterin sein Projekt erläutert. Er spricht über die Dezentralisierung des Finanzsystems. Die Unabhängigkeit von einzelnen Akteuren und auch von staatlichen Zugriffen auf das neue Netzwerk. Neutralität heißt das in seiner Sprache.

Ein UBS-Vertreter sagt später, man versuche, die Kraft der Blockchain zum eigenen Vorteil zu nutzen. Ganze Geschäftsbereiche könnten automatisiert werden. Der Emissär der Bank of England spricht aus, was viele denken: Die Blockchain verändere alles. Die Bankenwelt werde sich so stark wandeln wie nie in den letzten 400 Jahren.

Nach dem Vortrag fast bizarre Szenen: Es bilden sich Trauben um Buterin, hohe Angestellte von der Fondsgesellschaft Fidelity und von Barclays stehen neben ihm, schauen ihn an wie einen Guru.

Warum werben sie ihn nicht einfach ab? Wenn man ihnen die Frage stellt, fallen Kinnladen runter. Daran haben sie noch gar nicht gedacht. Buterin scheint zu unerreichbar. Als die Veranstaltung vorbei ist, verzieht Vitalik sich hinter eine der Säulen. Er tippt etwas auf Mandarin in seinen riesigen Bildschirm. Kommt wieder hervor. Er sieht jetzt glücklich aus. Die zweite russische Revolution wird unblutig sein.

http://www.capital.de/dasmagazin/der-di ... chain.html

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Aktuelles, Presseschau

Bitcoin-Presseschau #81
22. Dezember 2015

Die Bitcoin-Presseschau fasst derzeit in etwas größeren Abständen die wichtigsten Informationen, Entwicklungen und Links aus dem Bereich Bitcoin und digitales Geld zusammen. Für den Zeitraum vom 8. bis 22. Dezember 2015 mit folgenden Themen:
...

#Bitcoin-Kurs

Der Bitcoin-Kurs hat in den vergangenen zwei Wochen ein paar ordentliche Spitzen hingelegt und steht mit aktuell 435 US-Dollar rund 40 US-Dollar höher als vor 14 Tagen. ...

https://coinspondent.de/2015/12/22/bitc ... eschau-81/



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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 23.12.2015, 23:04

@ all

SNP Schneider - Neureither (DE0007203705) will in letzter Zeit nur nach "Norden".

...
Die SNP AG unterstützt Unternehmen, ihre IT-Landschaft schneller und wirtschaftlicher an neue Rahmenbedingungen anzupassen, und ermöglicht ihnen, die Geschwindigkeit, mit der Veränderungen umgesetzt werden, zu erhöhen. Dazu hat das Softwareunternehmen mit SNP Transformation Backbone® die weltweit erste Standardsoftware für die automatisierte Analyse und standardisierte Umsetzung von Änderungen in IT-Systemen entwickelt. Die Transformationsplattform beruht auf den Erfahrungen aus weltweit über 2.500 Projekten, die SNP mit ihren software-bezogenen Dienstleistungen für Business Landscape Transformation® umgesetzt hat. ...

https://www.maxblue.de/maerkte-analysen ... ON=1541164


Zu deutsch : SNP verdient daran wenn Unternehmen fusionieren und sie verdient daran wenn
Unternehmen sich aufspalten. Eine Aktie fürs Gemüt :wink: . Bei jeder Fusion oder Aufspaltung
von der man hört, kommt man aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus.



Ich wünsche allen Ramboiden und Beobachtern des Forums entspannte Weihnachtsfeiertage !



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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 25.07.2016, 22:39

@ all


Eigentlich wollte ich zu dem Thema hier nichts sagen bzw. "senden", aber anbetracht der Ereignisse
der letzten Tage, habe ich mich umentschlossen - ohne das Thema ausbauen zu wollen.

An den unten stehenden Artikel erscheint mir die Analyse des historischen Kontextes am
interessantesten, die Problemlösungsvorschläge erscheinen mir zum Teil überarbeitungswürdig - der
Text wurde vor dem gescheiterten Putsch in der Türkei geschrieben. Aber lest selbst.



Islam-Debatte

Wie der Salafismus in unsere Welt kam

Europas Politiker sind mitverantwortlich dafür, dass sich unter den eingewanderten Muslimen extreme religiöse Ideologien ausbreiten konnten. Eine Replik auf Ruud Koopmans.
22.07.2016, von Jonathan Laurence


In dieser Zeitung äußerte der Soziologe Ruud Koopmans kürzlich die verführerische Ansicht, die Quelle der vom „Islamischen Staat“ inspirierten Intoleranz und des zugehörigen Terrorismus liege nirgendwo anders als im Islam selbst. Er verwirft die „Lieblingsausrede“, wonach der westliche Kolonialismus irgendeine Verantwortung für den politisch-religiösen Zustand des Islams im Allgemeinen oder des Nahen und Mittleren Ostens im Besonderen trage, und erklärt dies für unmöglich, da die Region vergleichsweise unbehelligt von europäischer Besetzung geblieben sei.

Damit verzerrt er allerdings die Geschichte. Tatsächlich sind die heutige Krise der religiösen Legitimation des Islams und die Ausbreitung der salafistischen Ideologie ein unmittelbares Erbe der europäischen Reiche des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Bemerkung sollte weder als Moralkeule noch als Plädoyer für political correctness verstanden werden. Wenn wir nicht dieselben Fehler nochmals begehen wollen, müssen wir unbedingt die Kontingenz dieser Geschichte wie auch die Leere des Ausdrucks „islamischer Fundamentalismus“ erkennen, den Koopmans als Stellvertreter für alles Mögliche verwendet, von überkommenen Ansichten zu den Geschlechterrollen und zur Homosexualität bis zum religiös inspirierten Massenmord.

Wenn Koopmans wissen möchte, warum „der Hass auf Freidenker und religiöse Minderheiten nirgendwo so stark verwurzelt ist wie in der muslimischen Welt“ und warum diese spezielle Interpretation des Islams den vergleichsweise toleranten Zweig des osmanischen Islams überflügeln konnte, sollte er sich zunächst einmal mit der Geschichte befassen. Dann wird er bemerken, dass vor einem Jahrhundert, im Sommer 1916, europäische Mächte jene Kettenreaktion auslösten, die 1924 die Übernahme des Hedschas - einschließlich Mekkas und Medinas - durch die Saudis ermöglichte und sanktionierte.

Größte politisch-religiöse Herausforderung

In einem eroberten Territorium nach dem anderen kappten Europäer die traditionellen Bande islamischer Autorität und religiöser Erziehung zwischen ihren neuen kolonialen Untertanen und dem Sultan-Kalifen in Istanbul. Die neuen Kolonialherren unterbrachen den Austausch der Richter, Muftis, Koranschulen und Moscheeprojekte zwischen den Osmanen und den Muslimen in Nordafrika, dem Nahen Osten und auf dem Balkan. Jahrhundertealte religiöse Stiftungen und religiöse Führungskonstellationen wurden entwurzelt zugunsten von Institutionen, die Europäer kontrollieren zu können glaubten.

Betroffen davon waren auch Hunderte Millionen von Muslimen in Britisch-Indien und Holländisch-Ostindien, die nun ihre Freitagsgebete nicht mehr dem Sultan-Kalifen in Istanbul widmen mussten, sondern einer von der britischen beziehungsweise holländischen Krone bestimmten Person (König Hussein beziehungsweise Königin Wilhelmina). Die türkischen Nationalisten vermochten die religiöse Macht des osmanischen Kalifats 1924 wahrscheinlich nur deshalb zu erschüttern und zu brechen, weil Amsterdam, Wien, London, Paris und Rom dieses Amt bereits unterminiert hatten.

Die größte politisch-religiöse Herausforderung unserer Zeit befindet sich im Epizentrum dieser fragmentierten Welt: dem mediterranen Kerngebiet des alten Osmanischen Reiches, in der Türkei, in Nordafrika und von der Levante bis hin zur arabischen Halbinsel. Die Beseitigung des Kalifats zündete eine nun schon seit einem Jahrhundert brennende Supernova aus Thronanwärtern und Islamisten quer über den gesamten muslimischen Halbmond. Die Gewaltausbrüche des islamischen Extremismus nach dem Ende des Kalifats folgen genau jenem Pfad der weltweiten Umma, den die panislamische religiöse Diplomatie der Osmanen einst vorgezeichnet hatte, einschließlich des heutigen Bangladesch, Pakistans, des Iraks und Syriens. Das osmanische Erbe wurde umfunktioniert oder eliminiert, und dies schmälert bis heute die Aussichten eines einheimischen Widerstands gegen importierten religiösen Extremismus.

Das Problem mit dem salafistischen Wahabismus

Die daraus erwachsene „Fitna“ sorgt dafür, dass die politische Stabilität - und die militärische Unabhängigkeit von nichtmuslimischen Mächten -, welche die sunnitischen Muslime der Region einst genossen, unerreichbar geworden sind. Die ehedem von Istanbul ausgehende spirituelle Führung ist heute zersplittert und auf mehr als ein Dutzend Nationalstaaten verteilt - und wird überdies entschieden von transnationalen nichtstaatlichen Akteuren wie Al Qaida und dem IS in Frage gestellt. Dieser Dissens spiegelt sich auch im gestörten religiösen Leben vieler Millionen Muslime, die heute in Westeuropa leben und ursprünglich aus derselben Region stammen.

Wie erwarben Salafismus und Wahabismus die Autorität, großen Teilen zweier Generationen europäischer Muslime ihre Ansichten einzupflanzen? Ebenjene europäischen Mächte, die in den 1970er und 1980er Jahren zu Einwanderungsländern wurden, luden die in Saudi-Arabien beheimatete Islamische Weltliga ein, in ihren Ländern Moscheen zu bauen, Imame zu finanzieren und freie Koranschulen einzurichten. All das im Rahmen einer auf Ölverkäufen basierenden Transaktionsbeziehung.

Das geschah oftmals auf Kosten von Angeboten Marokkos, der Türkei und Algeriens, eine an den westeuropäischen Kontext angepasste Alternative bereitzustellen. Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts standen in Europa mehr marokkanische Imame in den Diensten des saudischen als des marokkanischen Königs. Saudi-Arabien finanziert in Frankreich heute noch vierzehn Imame jährlich. Europäische Muslime fanden den Weg zu einem am salafistischen Wahabismus ausgerichteten Islam, weil ihre politischen Repräsentanten bedenkenlos ihren Beitrag zu den für die Verbreitung extremer Ideologien ausgegebenen Milliarden leisteten.

Europa hat nichts für Muslime getan

Vor einer ähnlichen Wahl für das spirituelle Leben der europäischen Muslime stehen die westeuropäischen Länder heute mit Blick auf die Rolle Ankaras, Rabats und Algiers, und mehrere Länder sind dabei, den historischen Fehler vom Beginn des letzten Jahrhunderts zu wiederholen. Wieder einmal versuchen Regierungen, das religiöse Zentrum an seiner Quelle zu enthaupten: den islamischen Gesandten der Herkunftsländer. Im Jahrzehnt nach dem 11. September bemühte man sich durch allerlei Anerkennungs- und Koordinierungsmaßnahmen hektisch um eine Formalisierung des Verhältnisses zwischen Staat und Islam mit dem Ziel, die europäischen Muslime vor den aus der Golfregion eindringenden religiösen Ideologien abzuschirmen.

Die europäischen Staaten taten sonst kaum etwas, um das religiöse Leben der Muslime zu erleichtern oder sie in die bestehenden Strukturen des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat einzubinden. Der ganze Konsultationsprozess wurde überschattet von einem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber den von den Regierungen der Herkunftsländer angebotenen religiösen Dienstleistungen, wodurch jungen Muslimen legitime Argumente vorenthalten wurden, die sie gegen extremistische Ideen hätten vorbringen können.

Erst kürzlich erreichte diese Politik einen Höhepunkt. Das österreichische Parlament verabschiedete 2014 ein Gesetz, das die Finanzierung von Einrichtungen durch die Türkei und die Entsendung religiösen Personals untersagt - ein fernes Echo der Entscheidung Österreich-Ungarns vor einhundert Jahren, das Kalifat in Bosnien-Hercegovina durch ein von Wien gebilligtes islamisches Oberhaupt (Schaich al-Islam) zu ersetzen. In diesem Sommer verabschiedete das belgische Parlament ein ähnliches Gesetz, und deutsche Politiker fordern seit Monaten ein Ende des türkischen Einflusses auf den europäischen Islam. Die EU finanzierte kürzlich ein journalistisches Projekt zur Entlarvung der „türkischen Marionetten“.

Kampf gegen die katholische Kirche

Das Bündnis zwischen dem Deutschen und dem Osmanischen Reich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bedeutete, dass das wilhelminische Deutschland im Unterschied zu nahezu allen anderen europäischen Mächten nicht versuchte, das Kalifat zu schwächen. Doch in früherer Zeit hatte deutscher Verdruss über einen angeblich „autoritären Despoten“ im Ausland die Regierung durchaus schon einmal veranlasst, die Religionsfreiheit der Bürger im Inland einzuschränken.

Nach der Reichsgründung kämpfte Bismarck ein Jahrzehnt lang gegen die katholische Kirche wegen der Bestellung von Bischöfen und Pfarrern durch Rom. Der Staat behielt sich das Recht vor, sein Veto gegen Nominierungen einzulegen, die in seinen Augen die öffentliche Ordnung bedrohten, und sorgte dafür, dass neun von zwölf preußischen Bistümern ohne Bischof und 1400 Pfarreien ohne Pfarrer blieben.

Spezielle Kurse mit zertifizierten Abschlüssen

Mitte der 1880er Jahre wurden die diskriminierenden Gesetze des Kulturkampfes zurückgenommen, die - ähnlich der heutigen Versuchung, solche Bande zu lösen - eine unhaltbare Politik darstellten, weil sie der sozialen Realität der Bevölkerung im neugegründeten Deutschen Reich nicht entsprach. In die Weimarer Verfassung wurden dann religionsfreundliche Artikel aufgenommen, die bis heute Bestand haben. Berlin ist gegenwärtig führend im Import türkischer Imame und Lehrer, die sich an der spirituellen Betreuung und religiösen Erziehung deutscher Muslime beteiligen. Tatsächlich verbessern die Türkei und andere Staaten wie Algerien und Marokko ständig ihren Islamexport nach Europa.

Dazu gehören spezielle, vor der Abfahrt zu absolvierende Kurse in Sprache und Kultur des Gastlandes und mit zertifizierten Abschlüssen versehene Bildungsgänge, in denen europäische Muslime für ihren spezifischen Kontext geschult werden. Die deutschen Behörden wissen dieses Personal aus der Türkei zu schätzen, auch wenn sie durchaus vernünftige Pläne hegen, vielfältige Netzwerke islamischen Wissens und religiöser Einrichtungen in Deutschland selbst zu entwickeln.

Warum die Ditib wichtig ist

Doch der gegenwärtige Lärm um islamischen Fundamentalismus und der Hohn auf die Person Präsident Recep Tayyip Erdogans drohen inzwischen zu politisieren, was eigentlich eine klinische Entscheidung über die Art von Islam sein sollte, dessen Gedeihen man fördern möchte. Angesichts der Ankunft von mehr als einer Million Flüchtlingen mit islamischem Hintergrund in Deutschland ist es indessen noch dringlicher, dass der türkische Islam des türkisch-islamischen Dachverbandes Ditib neben zahllosen anderen Angeboten religiöser Dienstleistungen eine wichtige Stellung behält. Dazu müsste die deutsche Öffentlichkeit davon überzeugt werden, dass den religionspolitischen Beziehungen zur türkischen Regierung auch in absehbarer Zukunft eine wesentliche Bedeutung zukommen wird.


Es ist richtig, von Ditib und allen sonstigen inländischen islamischen Vereinigungen zu verlangen, dass sie sich an die Gesetze und Vorschriften des Landes halten, aber es wäre kontraproduktiv, die Verbindungen im Bereich des Personals, des Gebets und der religiösen Unterweisung abzuschneiden. Wer das bezweifelt, sollte sich den aktuellen Aufstieg des Wahabismus in Bosnien-Hercegovina anschauen.

Im einundzwanzigsten Jahrhundert lauert nicht Saudi-Arabien hinter dem Vakuum, sondern der IS samt einem virtuellen Universum sozialer Medien. Die europäischen Reiche des letzten Jahrhunderts konnten kaum vorhersehen, welche Wirkung ihre Eingriffe ein Jahrhundert später auf den weltweiten Islam haben würden, doch die heutigen europäischen Nationalstaaten sollten es besser wissen. Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.


Zum Autor

Jonathan Laurence ist Professor für Politikwissenschaft am Boston College, an dem er über das Verhältnis von europäischer Politik und Staatsreligion forscht.

Aus dem Englischen von Michael Bischoff.

Quelle: F.A.Z.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/d ... ageIndex_2



Ergänzend und ausbauend zu obigen Thema empfiehlt sich folgender Artikel, den ich aber im
Netz nicht finden konnte (er ist hart, vielleicht zu hart) :
"Wo Vatermord Pflicht werden kann

Tötungen von Familienangehöringen durch militante Islamisten häufen sich in der arabischen Welt.
Man beruft sich dabei auf einen mittelalterlichen Gelehrten. Wo soll das alles noch enden ?"
von Joseph Croitoru, FAZ vom 23.7.2016



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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 10.08.2016, 21:29

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Hochfrequenzhandel : Wie unfair sind die Blitzhändler der Wall Street?

Hochfrequenzhändler gelten an der Wall Street als böse Buben, die wehrlose Kleinanleger abzocken. Eine neue Studie von zwei Professoren aus Berkeley relativiert diese These – zumindest ein wenig.
06.08.2016, von Norbert Kuls, New York


Bei den Olympischen Spielen wird die Leistung der Athleten maximal in Hundertstelsekunden gemessen. Die zwei Tausendstel Vorsprung, mit denen der schwedische Schwimmer Gunnar Larsson 1972 in München die 400-Meter-Lagen gewann, wurden als nicht sinnvoll und unfair erachtet – der zuständige Sportverband änderte das Reglement wenig später.

Man stelle sich nun vor, die Differenz zwischen Gold und Silber würde künftig in Mikrosekunden, in Millionstel einer Sekunde, gemessen. Was für eine Olympiade unglaublich anmutet, ist an der Wall Street gang und gäbe. Sport ist zwar nicht Börse, aber um Fairness geht es auch in der Debatte um die Blitzhändler, die Wertpapiere mit Hochleistungscomputern und ausgeklügelten Softwarealgorithmen im Milli- oder Mikrosekundentakt handeln.

Blitzhändler werden ausgebremst

Vor etwas mehr als zwei Jahren hatte der Bestsellerautor Michael Lewis in seinem Buch „Flash Boys“ die Methoden der Hochfrequenzhändler angeprangert. Lewis beschrieb, wie die Blitzhändler Zugang zu schneller verfügbaren Daten nutzen, um reguläre Anleger abzuzocken. Es handelte sich um eine elektronisch hochgezüchtete Variante des verbotenen „Front Running“. Dabei nutzen Händler die Kenntnis anstehender, aber noch nicht ausgeführter und potentiell kursbewegender Aufträge, um sich vorher entsprechend in Stellung zu bringen.

An der Wall Street hatte das Buch Wellen geschlagen. Die Börsenaufsicht, die für den Schutz der Kleinanleger verantwortlich ist, hat bereits reagiert. Im vergangenen Monat erhielt die neue Handelsplattform IEX, die eventuelle Zeitvorteile der Blitzhändler mit einer Art elektronischer Bodenschwelle ausbremst, ihre offizielle Börsenzulassung. Gründer und Vorstandschef der IEX (kurz für Investor’s Exchange oder Anlegerbörse) ist Brad Katsuyama, die Hauptfigur in „Flash Boys“ und mittlerweile eine Art Symbolfigur für fairen Handel an der Wall Street.

Schon davor hatte die Börsenaufsicht ihre Kontrollmöglichkeiten gestärkt. Um besser nachvollziehen zu können, was in den Hochleistungscomputern der Wall Street vorgeht, werden Kursdaten seit Ende Juli 2015 mit einem elektronischen Zeitstempel in Mikrosekunden versehen. Die mehr als ein Dutzend Börsen und rund fünfzig außerbörslichen Handelsplattformen in den Vereinigten Staaten müssen ihre Kursdaten an zwei zentrale sogenannte Securities Information Processors (SIP) schicken, die die Daten verarbeiten und den besten Angebot- und Nachfragekurs im gesamten Börsensystem veröffentlichen.

Einer der beiden Datenabwickler ist zuständig für Aktien, die an der New York Stock Exchange und an Regionalbörsen notiert sind. Der zweite kümmert sich um Aktien der Nasdaq. Die Börsen müssen den SIPs auf die Mikrosekunde genau mitteilen, wann ein neuer Angebots- oder Nachfragekurs gestellt oder eine Transaktion ausgeführt wurde. Dazu müssen die SIPs, ebenfalls auf die Mikrosekunde genau, aufzeichnen, wann diese Daten verarbeitet und veröffentlicht wurden. Durch einen Vergleich der beiden Zeitstempel lässt sich herausfinden, wie lang die Verzögerung dauerte.

Abwicklung der Daten ist schneller geworden

Die Verzögerung erklärt sich zum Teil damit, dass die Datenübertragung von den Börsen zu den unterschiedlich weit entfernten Datenzentren eine gewisse Zeit dauert. Hochfrequenzhändler stellen ihre Computer deswegen gerne direkt neben Rechenzentren der Börsen auf - wofür die Börsen satte Gebühren verlangen. Das alles geht zwar immer noch rasend schnell. In der Theorie haben die Computer der Hochfrequenzhändler, die den Datenstrom direkt von den Börsen abonnieren, aber genug Zeit, die Kursbewegung des etwas später veröffentlichten SIP-Kurses zu antizipieren und sich entsprechend zu positionieren.

Eine Studie von zwei Professoren der Universität von Kalifornien in Berkeley stellt diese These nun in Frage. Robert Bartlett und Justin McCrary haben die Verzögerungen für die 30 im Dow-Jones-Index gehandelten Aktien in den ersten 11 Monaten seit Inkrafttreten der neuen Regularien ausgewertet. Das Ergebnis überrascht auf den ersten Blick: Die beiden Professoren haben nämlich „kaum Belege“ dafür gefunden, dass schnelle Händler „systematisch Händler ausbeuten“, die Aufträge auf Basis der verzögerten SIP-Daten ausführen.

Im Fall von veröffentlichten Angebots- und Nachfragekursen wurden die SIP-Daten durchschnittlich 1,13 Millisekunden später veröffentlicht – etwas mehr als halb so lang wie der Vorsprung des Schwimmers Larsson im Münchner Lagenfinale. Im Fall von abgeschlossenen Transaktionen waren es durchschnittlich 22,84 Millisekunden – möglicherweise viel Zeit in einer Welt, wo Mikrosekunden den Takt vorgeben. Aber in fast 97 Prozent der überprüften Fälle gab es überhaupt keinen Unterschied zwischen den Kursen der SIP und den aktuellsten Daten der Börsen. Aktienaufträge, die zu den abgestandenen SIP-Kursen ausgeführt wurden, haben im Schnitt sogar minimal leicht gewonnen.

Zur These, dass die Hochfrequenzhändler nun doch keine bösen Buben sind, wollen sich Bartlett und McCrary aber nicht durchringen. Da die Daten erst seit August 2015 vorliegen, könne es einfach auch daran liegen, dass die Strategien, die in „Flash Boys“ beschrieben werden, nicht mehr so häufig vorkommen, heißt es in der Studie. Immerhin sei die Abwicklung der Daten durch die SIPs schneller geworden, und die Börsenaufseher hätten die Branche stärker im Visier. Zudem gebe es mit der IEX eine Börse, die herkömmliche Anleger vor Hochfrequenzhändlern schützt. „Das hat diese Strategien möglicherweise einfach zunehmend undurchführbar gemacht“, schreiben die Professoren.

Quelle: F.A.Z.

http://www.faz.net/aktuell/finanzen/wie ... 73862.html



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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 28.05.2017, 20:05

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Urheberrechtsreform

Heiko Maas macht die freie Presse kaputt

Wenn der Justizminister mit seinem neuen Urheberrecht durchkommt, dann wird es keine freien Zeitungsverlage mehr geben. Kennt der Mann die Verfassung nicht ?

27.05.2017, von Thomas Thiel


Die Bundesregierung will in den nächsten Wochen eine Reform des Wissenschaftsurheberrechts beschließen. Das wird für die Pressefreiheit dramatische Folgen haben. Der vorliegende Reformentwurf, der das Recht an ein digitales Umfeld anpassen will, zieht einen Schlussstrich unter das bisherige Modell, nach dem Universitäten und Bibliotheken erst Lizenzen mit Verlagen abschließen müssen, bevor sie deren Erzeugnisse nutzen und verbreiten dürfen.


Nach künftiger Gesetzeslage könnten die Bibliotheken Bücher nach Belieben einscannen und für Forschung und Lehre 15 Prozent davon anbieten, und zwar, ohne eine greifbare materielle Entschädigung zu bieten. Welcher Anreiz für Verlage dann noch besteht, Lehrbücher und Zeitschriften zu verlegen, die hinterher in wesentlichen Teilen zu verschenken sind, lässt der Entwurf offen.

Der Gesetzentwurf geht aber noch einen Schritt weiter und erlaubt es einem jeden, einzelne Zeitungsartikel der Allgemeinheit zu Bildungszwecken kostenlos zur Verfügung zu stellen. Anders als für wissenschaftliche Publikation, die der Staat teilweise selbst finanziert, dürfen diese Zeitungstexte vollständig benutzt werden. Wer einzelne Zeitungstexte lesen möchte, kann sich diese von Bibliotheken bequem frei Haus zusenden lassen. Entweder hält der Justizminister Zeitungsartikel für einen natürlich nachwachsenden Rohstoff oder die freie Presse für verzichtbar. Unter Zeitungsverlagen wie diesem besteht der Konsens, dass die Einnahmeverluste dramatisch wären und viele Medien das Gesetz, sollte es beschlossen werden, nicht überleben würden.

Großzügige Geschenke aus fremdem Eigentum

Man kann nun fragen, was das Wissenschaftsurheberrecht mit Presseverlagen zu tun hat. Nichts. Zeitungsartikel werden von Redakteuren und freien Autoren geschrieben, die dafür nicht vom Staat, sondern von Unternehmen bezahlt werden, und sie können das nur so lange tun, wie das Unternehmen sie finanzieren kann. Wissenschaftliche Publikationen werden von Wissenschaftlern geschrieben, die, wenn man es freundlich ausdrücken will, vom Staat bezahlt werden. Tatsächlich bleiben Professoren heute nur zwanzig Prozent ihrer bezahlten Zeit für das Forschen und Publizieren, und welchen Lohn das Heer der Nachwuchswissenschaftler vom Staat bekommt, möchte man lieber nicht nachrechnen.

Universitäten und Bildungspolitiker sind sparsam, wenn es um die Honorierung geistiger Arbeit geht. Großzügig werden sie offensichtlich, wenn sie mit fremdem Eigentum ihren Haushalt sanieren können. Es ist in der Marktwirtschaft nicht unüblich, dass man das, was man erwirbt, bezahlt. In der Wissenschaft wird dies auch deshalb in Frage gestellt, weil eine Handvoll wissenschaftlicher Großverlage mit Monopolstellung eine sprudelnde Geldquelle aus dem Zeitschriftenverkauf gemacht hat und das, was staatlich finanzierte Wissenschaftler geschrieben haben, zu horrenden Preisen zurückverkauft.

Denn es ist so: Die Preisdiktate, die das Gesetz bekämpfen will, kommen von drei internationalen Großverlagen; die rund sechshundert deutschen Wissenschafts- und Presseverlage mit ihren deutlich bescheideneren Gewinnmargen zählen dazu nicht. Die Monopole, die der Gesetzentwurf brechen soll, können die Einbußen locker verkraften und ihr Geschäft eine Weile ins Ausland verlagern, um später die in den Bankrott getriebenen deutschen Mittelstandsverlage aufzukaufen. Für diesen Windmühlen-Kampf ist das Justizministerium ohne erkennbaren Grund bereit, das Geschäftsmodell der freien Presse aufs Spiel zu setzen.

Auf dem Weg zum großen Staatsverlag

Die tiefen Einschnitte in die Grundrechte wie Eigentumsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit werden mit dem Gemeinwohlinteresse von Bildung und Forschung gerechtfertigt und sollen deshalb streng auf unkommerzielle Zwecke beschränkt sein. Dafür trifft das Gesetz jedoch keinerlei Vorsorge. Im Gegenteil: Im Zuge der Reform soll die Deutsche Nationalbibliothek (DNB) in eine Art riesigen Pressekiosk verwandelt werden, der – Grundgesetz hin, Reform her – ohne Einverständnis der Eigentümer alle jemals veröffentlichten Zeitungstexte gratis anbieten darf. Und zwar nicht, wie der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Johannes Fechner, rechtfertigend behauptet, nur für die Bibliotheksbesucher an den Leseterminals, sondern, je nach Interpretation des entsprechenden Paragrafen, für alle und jeden im Internet.

Die Folgen sind abzusehen: Kein Unternehmen wird mehr auf die Archive von Presseverlagen zugreifen, wenn die DNB ihm alles kostenlos gibt. Bibliotheken würden ihre Lizenzverträge für die Nutzung von Zeitungsarchiven nach Abschluss des Gesetzes unmittelbar kündigen – paradiesische Zustände, solange es diese Zeitungen noch gibt. Bibliotheken würden zu verkappten Presseverlagen mit großen Spendierhosen aus fremdem Stoff. Denn auch den Universitätsbibliotheken stünde es nun frei, sich Archivtexte und E-Paper herunterzuladen und in die Lande zu streuen.


Welche Einnahmeverluste den Presseverlagen damit drohen, müssen sie sich selbst ausrechnen. Das Justizministerium hat darüber im Zug der Reform, anders als im Fall der Bibliotheken, keine Berechnungen angestellt. Diese Zeitung beziffert den jährlichen Verlust auf einen siebenstelligen Betrag. Das Archivgeschäft, das nach dem Einbruch der Werbeeinnahmen eine der wenigen noch verbliebenen Gewinnquellen ist, droht zu einem großen Teil wegzubrechen. Aber auch ihre neuen digitalen Geschäftsmodelle können die Presseverlage, denen man jahrelang vorgeworfen hatte, keine Antwort auf das Internet zu haben, wieder einpacken. Wenn die Nationalbibliothek mit ihrem Eigentum um sich werfen darf, lohnt der Blick in die digitale Zukunft nicht mehr. Das vorliegende Gesetz lässt nur den Schluss zu, dass Minister Maas die Marktwirtschaft im Pressewesen abschaffen und eine staatssozialistische Presselandschaft etablieren will.

Almosen als Entschädigung

Im Bundestag hat Minister Maas die Novelle mit dem Argument verteidigt, dass für die Verluste eine „faire Entschädigung“ vorgesehen sei. Fair? Auf den 53 Seiten des Gesetzentwurfs ist dazu kein konkretes Wort zu lesen, das den Verlagen Planungssicherheit verschaffen könnte. Autoren und Verlage, so heißt es vage, sollen mit Pauschalen entschädigt werden, die über das extrem grobmaschige Netz einer Verwertungsgesellschaft mit der Gießkanne verteilt werden. Das spricht nicht nur der Leistungsgerechtigkeit Hohn, sondern führt, wenn Texte unbesehen ihrer Qualität bewertet werden, zu Qualitätsverlusten und Boulevardisierung. Man stelle sich Vergleichbares für die Immobilienbranche vor: Alle Häuser werden per Gesetz für gratis erklärt, die Eigentümer werden nach einem später auszuhandelnden System pauschal vergütet. Hochhaus wie Hütte: gleicher Preis!

Wenn überhaupt: Denn ein fairer Ausgleich ist nach heutiger Rechtslage nicht möglich. Die Verlage haben keinen Rechtsanspruch auf Vergütung, sie werden an den Ausschüttungen der VG Wort inzwischen nur noch nach Einwilligung der Autoren beteiligt, dies aber immerhin. „Diese Vergütung ist eine Art Almosengeschäft. Hier von einem fairen Ausgleich zu sprechen ist absurd“, sagt die Verlegerin Barbara Budrich. „Das ist so, als müsste die Bundesregierung den Staatshaushalt über freiwillige Spenden finanzieren.“ Konkret bietet die Gesetzesnovelle den Autoren und Verlagen: nichts. Nur Luftschlösser.

Kennt der Justizminister die Verfassung nicht? Artikel 14 Absatz 3 des Grundgesetzes schreibt zwingend vor, dass eine „Enteignung zum Wohle der Allgemeinheit“ nur dann zulässig ist, wenn sie „auf Grund eines Gesetzes erfolgt, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt“. Im vorliegenden Gesetzentwurf steht dazu aber kein Wort.

Haushaltssanierung auf dem Rücken der Privatwirtschaft

Fair wäre die individuelle Vergütung, der technisch nichts im Weg steht. Die Bibliotheken haben jedoch fleißig an dem Mythos gestrickt, dass die Einzelabrechnung viel zu kompliziert und unzumutbar sei. Näher besehen, braucht ein Universitätsdozent ein bis zwei Stunden pro Semester, um die Beiträge für einen digitalen Semesterapparat bei der VG Wort anzumelden; Bibliotheken bekommen Lizenzen und Zeitschriften heute über eigens aufgelegte Verlegerplattformen wie Booktex umstandslos und maßgeschneidert per Tastendruck. Ein bis zwei Stunden Arbeitsaufwand pro Semester: unzumutbar? Geklickt, geliefert: viel zu kompliziert?

Es drängt sich der Verdacht auf, dass es den Gesetzesautoren in Wirklichkeit nicht um den fairen Interessenausgleich, sondern um die Sanierung der Bibliotheksetats auf dem Rücken der Privatwirtschaft geht. Pauschalen sind ein bequemer Weg, Vergütungsansprüche zu verschleiern und kleinzurechnen. Das vorliegende Gesetz schreibt nahtlos eine Ideologie fort, nach der ein Teil der Privatwirtschaft keine Gewinnabsichten haben darf, kopfnickend auf sein Existenzrecht verzichtet und in Wissenschafts- und Presseverlagen den ganzen Tag über Kaffeepause gemacht wird. Salonfähig hat dies der Informatikprofessor Rainer Kuhlen gemacht, der wissenschaftliche Projektstellen jahrelang zur Propagandaplattform seiner Freibiermentalität ausbaute und, als wäre das Internet ein großer Eintopf, in den jeder blind seine Zutaten wirft, ganze Berufsgruppen verächtlich machte.

Verachtung geistigen Eigentums

Wer gibt dem Justizminister das Recht, Privateigentum gegen eine weitestgehend wertlose Entschädigung in Staatseigentum umzuwandeln? Meint er vielleicht, dass auch die Arbeit von Redakteuren und freien Autoren vom Staat bezahlt wird? Und wie kommt er dazu, die Arbeit ganzer Berufszweige zu verhöhnen? So ein Entwurf konnte nur zustande kommen, weil im Justizministerium die Verachtung geistiger Leistungen um sich gegriffen hat.

Über die Bedenken des Bundesrats, der vor der Gefährdung der Pressefreiheit warnt, und der CDU-Fraktion, die Verlage und Autoren ihres Existenzrechts beraubt sieht, hat sich das Justizministerium hinweggesetzt und an den federführenden Rechtsausschuss verwiesen, der am kommenden Montag seine letzte Anhörung hat. Über die Notwendigkeit der Pressefreiheit zum Schutz der gefährdeten Demokratien ist so viel gesagt worden, dass man es nicht wiederholen muss. Dass ein demokratischer Rechtsstaat eine solide Informationsbasis braucht, wenn er nicht in der Flut von Meinungsrobotern und Falschbotschaften ertrinken will, wird auch von Justizminister Maas in seinem neu erscheinenden Buch über viele Seiten hinweg hellsichtig erörtert. Sein entschlossenes Vorgehen gegen Hass und Hetze in den Netzwerken scheint ihn jedoch nicht davon abzuhalten, das Fundament der freien Presse von anderer Seite zu zerstören. Netzwerke, die Hass und Lüge posten, sind für den demokratischen Rechtsstaat aber nicht gefährlicher als ein Justizminister, der das Recht nicht achtet und den Bildungshaushalt auf Kosten der Pressefreiheit und des Eigentumsrechts sanieren will. Noch hat Heiko Maas die Gelegenheit zu zeigen, dass es ihm ernst mit der Verfassung ist.

Quelle: F.A.Z.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/u ... ageIndex_2



Wer nichts weiß, muß glauben was man ihm erzählt - siehe R., T. usw. .
Aber vielleicht ist es ja nur Inkompetenz .
:?:


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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 20.06.2017, 21:44

@ all

"... China sagt Amerika im Herbst 2011 den Kampf an. Seitdem will
es den Spitzenplatz in der prestigeträchtigen Branche der Supercomputer
auf Dauer für sich reklamieren. Eine Industrie, die nicht nur 25 Millarden $
groß ist und einige der klügsten Menschen in der Welt beschäftigt, sondern
auch ins digitale Morgen führt.
Heute ist das Reich der Mitte nur noch ein paar Monate von einer Rechen -
maschine neuer Dimension entfernt.
Peking baut an einem Computer, der binnen einer Sekunde eine Trillion
Rechenoperationen ausführen kann. Er besitzt so viele Prozessoren, wie
die gesamte PC-Industrie in einem ganzen Jahr verbaut.
Damit hat das
chinesische Rechenwunder mehr Leistung als alle Computer der Welt
zusammen. Eine Megamaschine.
Eine Trillion - das ist eine Eins mit 18 Nullen. Die Forscher sprechen auch
von einem Exascale - Rechner. Seine Anschaffung kostet mehr als eine
Milliarde, sein Betrieb jedes Jahr Dutzende Millionen Euro. Solch ein
Rechner wird mehr Energie verbrauchen als manche Großstadt, er
beansprucht den Platz eines Fußballfeldes
; er läuft schnell heiß und
hat Software, mit der man im ausgedruckten Zustand die Regale der
Bibliothek einer Universität füllen kann.
Dafür wird ein solcher Rechner schon in absehbarer Zeit Lösungen finden,
auf die es heute noch gar keine Fragen gibt. In der Medizin, in der Astro -
oder Kernphysik, in der Bio - und Nanotechnologie.
´Exascales sind Supercomputer der Sonderklasse´, sagt Ingolf Wittmann.
Wittmann verantwortet beim Branchenprimus IBM das Europageschäft mit
Hochleistungsrechnern. ...

Daher überläßt Amerika das Feld nicht den Chinesen. Es baut einen eigenen
Exascale - Rechner. Europa will das auch, hat dazu erst die Absicht bekundet
und dann mit der Partnerschaft für Advanced Computing in Europa eine
Institution zur Bündelung seiner Ressourcen gegründet. Noch aber streiten
sich die Europäer um Geld und Kompetenzen. Es geht um Zuständigkeiten,
Geld und die Zukunft nationaler Forschungsstandorte. Der Bau eines
europäischen Exascale - Rechners steht in Brüssel weit oben auf der Forschungs
- agenda. Die Zeit aber eilt.
China macht Tempo, Amerika zieht mit. Kein Wunder : Sind Supercomputer
doch Grundpfeiler der Forschung. ...

Die deutsche Struktur sollte auch als Vorbild für Europa dienen. Italiener,
Franzosen und Spanier waren dazu bereit. Dann aber ging das politische
Hickhack los. Wer hat wann wem was zu sagen, wieviel kostet das, wer zahlt,
wie ist das verteilt ?
Italien kam seinen Verpflichtungen nicht nach; Spanien blieb auf halbem Weg
stecken; Frankreich will wenig zahlen, aber viel sagen; Deutschland sich nicht
über den Tisch ziehen lassen.

Ähnlich wie zuvor schon China faßte Brüssel noch unter der Digitalkommissarin
Neelie Kroes 2012 ins Auge, auf seinem Weg an die Spitze unabhängiger von
amerikanischer Chip - und Rechentechnik zu werden.
Es kündigte vor 5 Jahren
die Verdoppelung der Fördermittel auf 1,2 Milliarden Euro und die Aufstellung
eines eigenen Exascale - Rechners vor dem Jahr 2020 an. ...
Das Ziel, mit den Chinesen und Amerikanern an der Spitze der Branche schon bald
auf Augenhöhe um die Wette rechnen zu können, mußte aber erst mal um 2 bis 3
Jahre nach hinten verschoben werden.
Auch die gewünschte rein europäische Maschine wird es so nicht geben. Denn die
Anbieter von Hard - und Software sitzen vorwiegend in Übersee. ...

Quelle : Faz v. 16.6.2017, Europas Mondlandung - ohne Supercomputer geht in der
Forschung nichts mehr / China hat Amerika gerade den Rang abgelaufen
von Stephan Finsterbusch


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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon cell1 » 01.07.2017, 08:05

Und habt ihr mit IDCC verdoppelt?
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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon speedy123 » 05.07.2017, 21:10

nein leider nicht
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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 11.07.2017, 23:36

@ lucky

Kannst Du für uns bitte den vorherigen Zustand bei Rambus - News wieder herstellen, wenigstens bei
Rambus - News US ?
Man hat nicht immer die Zeit um IV zu durchforsten.



Grüße !

johannes


P.S. : Ein Blick in den privaten Bereich lohnt sich vielleicht für Dich.
Zuletzt geändert von johannes am 13.07.2017, 22:16, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 11.07.2017, 23:44

@ Ville

Für Dich vielleicht auch ?
(privater Bereich)



Grüße !

johannes
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