Gedanken und dieses & jenes

Alternativen zu Rambus

Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 23.12.2017, 22:17

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18. März 2017, 06:34 Uhr

US-Vorstoß :
Amerikas Einbruch in die Privatsphäre

Nahezu unbemerkt wurde in den USA ein Gesetz auf den Weg gebracht, wonach Angestellte ihrem Arbeitgeber Gentests vorlegen müssen. Das ist unsinnig und unmenschlich.

Kommentar von Astrid Viciano


Im Getöse um Donald Trumps Einreiseverbot hat ein Komitee des US-Repräsentantenhauses fast unbemerkt einem Gesetzentwurf zugestimmt, der das Leben vieler Amerikaner aus der Bahn werfen könnte. Unternehmen könnten künftig Angestellte dazu nötigen, Gentests zuzustimmen und deren Ergebnisse offenzulegen. Amerikanische wie europäische Humangenetiker sind entsetzt. Gentests müssten freiwillig erfolgen, die Information über mögliche Erkrankungen Privatsphäre bleiben, forderte die Europäische Gesellschaft für Humangenetik (ESHG) in einer aktuellen Stellungnahme. ESHG-Präsident Olaf Rieß warnt vor einem Dammbruch.

Der Protest der europäischen Wissenschaftler ist verständlich - erfahrungsgemäß schwappen Vorstöße im Bereich der Bioethik irgendwann nach Europa über. Das muss nicht immer schlecht sein; in diesem Fall aber wäre es verheerend. US-Unternehmen könnten in Zukunft nämlich firmeninterne Wellness-Programme als Schleichweg nehmen, um den gesetzlich festgelegten Schutz der genetischen Privatsphäre zu umgehen. Wer sich nicht an Programmen inklusive Gentests der Firmen beteiligt, wird mit deutlich höheren Krankenversicherungskosten bestraft. Und solche, bei denen in einem Gentest ein erhöhtes Risiko für eine Erkrankung festgestellt wird, wären für die Unternehmen in der Konsequenz eine Belastung, Arbeitsverträge würden nicht verlängert, Karrieren ausgebremst. In Deutschland wurde vor Jahren eine gesunde Lehrerin nicht verbeamtet, weil ihr Vater an der Erbkrankheit Chorea Huntington litt.

Das ist unmenschlich. Arbeitgeber sollen ihre Angestellten nach ihren Begabungen und Leistungen beurteilen, nicht nach deren genetischem Profil. Zumal die Ergebnisse von Gentests in den allermeisten Fällen nur ein Risiko feststellen, aber keine Gewissheit, dass ein Mensch tatsächlich erkranken wird. Zu viele Genvarianten sind meist im Spiel, um zu wissen, ob und in welchem Ausmaß der Getestete erkranken wird. Angestellte könnten also massiv benachteiligt werden, obwohl sie nie erkranken.

Viele Menschen möchten auch gar nicht wissen, welche genetischen Belastungen sie mit sich herumtragen. Und bei den wenigen Gendefekten, die eine Erkrankung sicher vorhersagen - der erwähnten Chorea Huntington zum Beispiel -, können die Betroffenen bei einem positiven Testergebnis nichts tun, um der Erkrankung vorzubeugen oder sie hinauszuzögern. Zwar können sie für die Zeit der Erkrankung vorsorgen. Doch werden sie bis zum Ausbruch des Leidens psychisch massiv belastet sein. Nicht ohne Grund ist eine Beratung vor und nach einem Gentest in Deutschland vorgeschrieben. Um die Menschen zu schützen und nicht aus der Bahn zu werfen.

http://www.sueddeutsche.de/gesundheit/u ... -1.3423395



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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 18.01.2018, 23:57

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Frontalangriff auf den Westen

... Selbst der knappste Blick auf das Programm "Made in China 2025" der chinesischen Regierung
führt jedem Betrachter die volle Reichweite der Ambitionen Chinas klar vor Augen. Das
explizite Ziel der Chinesen besteht nicht etwa nur darin, zu uns im Bereich der Zukunfts-
technologien aufzuschließen, sondern sie zu dominieren. Die dabei gesteckten Ziele sind ebenso
ehrgeizig wie merkantilistisch : Bis 2025 sollen chinesische Unternehmen 70 % oder mehr des
inländischen Bedarfs in 10 Schlüsselindustrien eigenständig decken können.
Chinas Liste der Kernindustrien stellt eine besonders direkte Bedrohung für die wirtschaftlichen
Säulen der deutschen & amerikanischen Industrie dar : die Luft- und Raumfahrt, Halbleiter,
Autos und Robotik, um nur die wichtigsten zu benennen . ...

Ein Bereich von besonderem Interesse für die Chinesen ist die Telekommunikationstechnologie.
Ihnen ist bewußt, daß die IT-Branche in den kommenden Jahrzehnten immer stärker zum
Treiber der gesamten Industrielandschaft wird.
Im Zentrum steht dabei die 5G-Technologie. Der Aufbau des Internets der Dinge und der Übergang
zum autonomen Fahren sind dabei nur die Anfangspunkte der Entwicklung. Darüber hinaus sind die
chinesischen Bemühungen, mittels 5G die Elektrofahrzeuge zu dominieren, eine große Heraus-
forderung für die deutschen & japanischen Automobil- und Halbleiterfirmen.
Die 5G-Technologie ermöglicht auch die Übertragung großer Datenmengen, wie sie - weit jenseits
der stetig wachsenden Nachfrage nach mobilen Videos und Videospielen - etwa für die Anwendung
von künstlicher Intelligenz im Lebensalltag vonnöten ist. Darüber hinaus sind alle ernsthaften
Bemühungen zur Verbesserung der Cybersicherheit und zur Gewährleistung der Integrität wichtiger
Systeme wie des Stromnetzes von der optimalen 5G-Technologie abhängig. Dies gilt auch für
moderne drahtlose Systeme. Sie erfordern eine enorme Erhöhung der Übertragungsgeschwindigkeit
und Bandbreite.

Der Aufbau dieser IT-Infrastruktur bedeutet weltweit Hunderte von Milliarden Dollar an Investitionen.
Wer große Teile dieses Marktes erobert, wird in einer starken Position sein, um in neuen Bereichen
wie dem Internet der Dinge die Führungsposition innezuhaben. Schon aus Gründen der nationalen
Sicherheit und der Cybersicherheit ist es wichtig, daß sich die USA und ihre Verbündeten auf die
Sicherheit dieser Infrastruktur verlassen können.

Aber das ist eindeutig nicht der Plan, den die Chinesen im Sinn haben. Ihr Anspruch, dem sie mit
großer Entschlossenheit folgen, besteht darin, ihrerseits den Zugang zu allen Arten von Daten-
sammlungen zu kontrollieren. Sie wollen keinesfalls länger Lizenznehmer sein. Wenn überhaupt,
dann Lizenzgeber. Dabei hilft den Chinesen nicht nur die enorme Größe ihres Binnenmarktes.
Auch ihre politische Entschlossenheit, den Überwachungssataat zu optimieren, spielt ihnen dabei
in die Hände. Chinesische Technologiekonzerne können weitestgehend frei von westlichen - und
insbesondere europäischen - Regulierungserfordernissen agieren. ...


Abgesehen vom Standardsetting stellt China für sein Programm "Made in China 2025" auch riesige
Geldsummen für die Forschung und Entwicklung aller Art von Software und Hardware zur Verfügung.
Diese Finanzmittel dienen sowohl der Subventionierung des Baus neuer Produktionsanlagen und
entsprechender Ausrüstung wie auch der Forschungsförderung im Allgemeinen.
So will China rund 160 Milliarden Dollar für die Unterstützung der nächsten Generation von
Halbleitertechnologie
und 180 Milliarden Dollar für den Ausbau von 5G-Infrastrukturen aufbringen.
...

Als weltgrößter Nachfrager von Halbleitern und Speicherchips hat China in diesem Sektor erheblichen
Einfluß. Ein nicht unbeträchtlicher Teil dessen, was heute als chinesisches Know-how ausgegeben wird, ist
darauf zurückzuführen, daß chinesische Firmen regelmäßig versuchen, Patente und anderes geistiges
Eigentum zu usurpieren, wenn nicht zu verletzen. ...

Erstens ...
Zweitens ...
Drittens ...
Viertens ...
Fünftens ...


Quelle : Handlsblatt v. 12.1.2017, Gastkommentar von Thomas Duesterberg - der Autor ist Senior Fellow,
Hudson Institute; er war Assistant Secretary of Commerce for International Economic Policy für
Präsident Georg H. W. Bush

http://www.handelsblatt.com/my/meinung/ ... 6BoWRR-ap4

(siehe auch https://www.investorvillage.com/smbd.as ... d=17895913 von
sabatino & https://www.investorvillage.com/smbd.as ... d=17896468 mit
https://www.anandtech.com/show/12258/in ... artnership von
stkhawk)


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Zuletzt geändert von johannes am 28.02.2018, 22:15, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 28.02.2018, 22:12

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Baumont(A2DAM1), die Mutter von Twintec marschiert zur Zeit.
Twintec bietet eine Nachrüsttechnologie zur Abgasreinigung von Dieselfahrzeugen an.

Vielleicht ein Vervielfacher . (?)
(Aber unterschätzt die Autoindustrie nicht, die sind zäh und einflußreich.)


"... Derzeit sind rund vier Millionen Euro-4- sowie rund elf Millionen
Euro-5-Diesel-Pkw in Deutschland zugelassen. Weitere zwei Millionen
Diesel-Pkw liegen unter der Euro-4 Norm. ..."

https://www.maxblue.de/maerkte-analysen ... =186066842


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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 04.03.2018, 18:55

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Wie es bei unseren italienischen Nachbarn so läuft .


Italiens Wahlrecht : Neu – und schon wieder veraltet ?
Italien auf der Suche nach einem brauchbaren Wahlsystem von Tobias Piller -aktualisiert am 04.03.2018-08:28

... Die Abgeordneten fahren am Wochenende nicht mehr in den Wahlkreis, sondern ans Meer, und bestärken den Protest gegen die politische Klasse. Das Wahlgesetz von 2005 bekam schließlich den Namen "Porcellum", die "Schweinerei". ...

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausl ... ageIndex_0


&


Italiens Reise ins Ungewisse von Tobias Piller , Rom -aktualisiert am 03.03.2018-20:59

Ein Hort der Stabilität war das Land noch nie. Doch vor der aktuellen Wahl ist das Chaos größer denn je. Die italienische Wirtschaft fragt sich: Geht das gut ?


... "Wenn wir uns heute die Lage vor der Wahl betrachten, dann gibt es doch überall nur das große Grauen", sagt der Mailänder Staranwalt und erntet rund um den großen Tisch nur Zustimmung. Die elitäre Runde ist in diesem Punkt einig: 2018 gibt es nur besorgniserregende wirtschaftliche Irrlichter. ...

... Im Gegensatz zu früheren Jahren gibt auch es keine bekannten Unternehmer mehr unter den Kandidaten.
Diplomatisch meint der Confindustria-Vizepräsident Maurizio Stirpe: „Für Unternehmer ist es in diesen Zeiten ohnehin am besten, sich um den eigenen Betrieb zu kümmern.“ Seine Kollegin Lisa Ferrarini, Vizepräsidentin für europäische Themen, redet Klartext: „Wer heute als Unternehmer in die Politik geht, muss verrückt sein.“ ...

... Kein Wunder, dass die Politiker ... keine Rücksicht nehmen auf die Wirtschafts- und Finanzlage ihres Landes, mit 20 Jahren Stagnation der Produktivität, der Position als europäischem Schlusslicht mit einem realen Wachstum von nur 1,5 Prozent und natürlich auch mit einem Rekordniveau an Schulden von 131,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Abhilfe zu schaffen aus dieser Misere ist Italiens Politikern zu kompliziert. ...

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/i ... ageIndex_0


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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 04.03.2018, 22:35

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"Lesearbeit !"


Der große Bilanz-Bluff der Dax-Konzerne

In den Bilanzen der Dax-Konzerne hat sich eine riesige Blase aufgepumpt: eine Viertel Billion Euro an Hoffnungswerten aus überteuerten Zukäufen. Wenn sie platzt, droht eine Kettenreaktion – auch für Anleger eine Gefahr.
von Ulf Sommer - 23.06.2017


Düsseldorf. Die Meldung schaffte es nur als Randnotiz in die Medien: Fresenius kauft für 4,4 Milliarden Euro den amerikanischen Konkurrenten Akorn. Eigentlich kaum der Rede wert, schließlich wechseln im aktuellen Übernahmeboom fast täglich Firmen im Milliardenwert den Besitzer. Und doch birgt diese Meldung Brisanz.

Fresenius zählt zu den erfolgreichsten deutschen Aktien. Seit Jahren erwirbt der Bad Homburger Gesundheitsspezialist immer neue Firmen für drei- und vierstellige Millionenbeträge. Das treibt die Umsätze und Gewinne jedes Jahr auf neue Rekorde.

Neu-Chef Stephan Sturm setzt damit die Shoppingtour seines zum Nahrungsmittelriesen Nestlé abgewanderten Vorgängers Ulf Schneider fort. Erst im September 2016 hat Fresenius für 5,8 Milliarden Euro den spanischen Klinikbetreiber Quironsalud gekauft, davor die Rhön-Kliniken, den Generikahersteller APP Pharmaceuticals und irgendwann davor den Dialysespezialisten Renal Care – die Liste ist noch viel länger.

Jeden neuen Fresenius-Deal feiern Anleger in der Vorausahnung, dass die Umsätze, Gewinne und damit auch der Aktienkurs steigen werden – und das Unternehmen liefert tatsächlich zuverlässig die erhofften Ergebnisse. Die Kursbilanz: plus 200 Prozent in fünf Jahren, plus 2.500 Prozent in 15 Jahren. Wer kurz nach der Jahrtausendwende, als Aktien boomten, für 5.000 Euro Fresenius-Aktien kaufte, freut sich heute in seinem Depot über knapp 50.000 Euro. Also alles bestens?

Nicht ganz. Bei Fresenius ebenso wenig wie bei anderen Dax-Konzernen wie Pro Sieben Sat 1, SAP oder Bayer. Finanziert werden die teuren Deals nämlich nicht nur mit Cash, sondern vor allem mit billigen Krediten – also mit geborgtem Geld. „Ein Treiber dieser Entwicklung sind die niedrigen Finanzierungskosten“, urteilt Commerzbank-Analyst Markus Wallner. Dadurch erschienen auch „relativ teure Übernahmen mit hohen Prämien noch rentabel“. Die vielen Übernahmen treiben die Verbindlichkeiten in die Höhe. Der Schuldenberg etwa von Fresenius stieg im ersten Quartal um ein Drittel auf 20 Milliarden Euro.

Das erscheint verkraftbar, denn ob Fresenius, Siemens und SAP: Fast alle großen Unternehmen zahlen ihren Gläubigern weniger als ein Prozent Jahreszins. Wer heute in Corporate Germany einen Kredit oder eine Anleihe von einer Milliarde Euro aufnimmt, wendet dafür pro Jahr allenfalls fünf, vielleicht zehn Millionen Euro auf – und nicht mehr als 50 Millionen wie noch in den ersten Jahren des Jahrtausends. Der Konsumgüter- und Klebstoffkonzern Henkel schaffte sogar das Kunststück, sich 500 Millionen Euro am Kapitalmarkt zu leihen – und Anleger dafür 0,05 Prozent Negativzins bezahlen zu lassen.

Fresenius steht für einen weltweiten Trend – einen Trend, der für Anleger gefährlich werden kann. Die rekordtiefen Zinsen treiben die Unternehmen in immer teurere Übernahmen. Folge: Ein immer größerer Anteil der Konzernbilanzen besteht nicht mehr aus harten Aktiva wie Maschinen oder Patenten, sondern aus dem Kaufpreis der übernommenen Firmen. Ob diese Übernahmeobjekte ihr Geld auch im Abschwung wert sind, muss sich erst noch zeigen. Die für die Übernahmen aufgenommenen Schulden bleiben den Konzernen in jedem Fall erhalten.

Für Anleger kann diese Kombination schnell zur Falle werden. Im Extremfall droht Konzernen die Überschuldung – und den Aktionären hoher Verlust. Anleger sollten sich daher dafür interessieren, wie stark die Bilanzen der Konzerne durch Firmenübernahmen aufgebläht sind. Das Handelsblatt hat die Bilanzen der Dax-Konzerne analysiert und verrät, wo mit schuldenfinanzierten Übernahmen gefährliches Bilanzdoping betrieben wird – und bei welchen Aktien Anleger selbst im Abschwung halbwegs ruhig schlafen können.

Um der Gefahr ausweichen zu können, müssen Anleger sie zunächst verstehen. Es geht um kompliziert klingende Begriffe wie immaterielle Vermögenswerte und Abschreibungsregeln. Aber eigentlich ist alles ganz einfach: Billiges Geld verführt zum Zocken auf Pump. Und wieder, wie schon vor dem Ausbruch der Weltfinanzkrise, versprechen die Unternehmen: „This time is different“ – diesmal ist alles anders.

Bei welchen Papieren können Anleger selbst im Abschwung halbwegs ruhig schlafen? Wo wird mit schuldenfinanzierten Übernahmen gefährliches Bilanzdoping betrieben? Eine Analyse der größten deutschen Konzerne.

Nach Angaben des Finanzdatenspezialisten Dealogic haben Unternehmen allein im vergangenen Jahr weltweit Anleihen im Volumen von mehr als drei Billionen Euro aufgenommen. Das ist sogar noch etwas mehr als im bisherigen Spitzenjahr 2006 – kurz bevor 2007 die Immobilienkrise in den USA ausbrach, die sich zur globalen Finanzkrise ausweitete. Allein die 30 Dax-Konzerne erhöhten im abgelaufenen Geschäftsjahr ihre Gesamtverschuldung auf den Rekordwert von 611 Milliarden Euro. Vor fünf Jahren waren es noch 430 Milliarden Euro, vor zehn Jahren 375 Milliarden Euro. Auch in den USA treibt das billige Geld die Lust auf Übernahmen – und das in noch größeren Dimensionen. Das Gesamtvolumen von Fusionen und Übernahmen in den USA lag 2016 bei 1,3 Billionen Dollar. Ein Rekordwert, der 2017 erneut erreicht oder sogar übertroffen werden dürfte.

Auch 2017 steigen die Aktienkurse weiter. Angetrieben von der Rekordfahrt an der Wall Street eilt der Dax von einem Allzeithoch zum nächsten – auch in dieser Woche. Und mit den Aktien steigen die Preise für Übernahmen. Denn jeder Deal orientiert sich am aktuellen Aktienkurs des Kaufkandidaten. Diese Kurse aber haben sich längst von ihrem wahren Wert entfernt.

Doch gibt es so etwas wie einen wahren Wert überhaupt?

In den Konzernbilanzen schon – und damit in dem wichtigsten Instrument, das Aktionäre zur Verfügung haben, um gute Unternehmen von schlechten und preiswerte Aktien von teuren zu unterscheiden.

Wie viel Geld der akquisitionsfreudige Gesundheitskonzern Fresenius für seine vielen Käufe über den wahren Wert hinaus bezahlt hat, lässt sich in der Bilanz auf den Euro genau ablesen. Der Posten dafür heißt Goodwill. Übernimmt nämlich eine Firma einen Konkurrenten, so ist das Management verpflichtet, das Vermögen seines Neuerwerbs rechnerisch in Einzelteile zu zerlegen. Ob Maschinen, Fuhrpark, Grundstücke, Patente oder Kundenkontakte – jede Position wird bewertet. Fällt der Kaufpreis für die neue Firma höher aus, als alle Einzelteile wert sind, so wird diese Übernahmeprämie als Hoffnungswert, als Goodwill, in der Bilanz gebucht.

Fast alle guten Unternehmen kosten immer etwas mehr, als sie gemessen an ihren Einzelteilen wert sind. Darin spiegelt sich die Hoffnung auf noch bessere Geschäfte wider. Das ist normal. Doch früher waren alle börsennotierten Unternehmen verpflichtet, diesen Aufpreis innerhalb von zehn, spätestens fünfzehn Jahren komplett abzuschreiben. Anleger hatten also die Gewissheit, dass heiße Luft nach Übernahmen peu à peu wieder entweicht – und die Bilanz und damit das Unternehmen nicht mehr belastet.
Kleine Änderung, große Folgen

Doch diese Praxis gilt seit 2005 nicht mehr. Die Finanzvorstände definieren seitdem selber, ob und wann Abschreibungen fällig sind. Die Regelung ergibt sich aus den „International Financial Reporting Standards“, besser bekannt unter dem Kürzel IFRS. Die deutschen Konzerne passten sich 2004, verpflichtend ab 2005, diesen internationalen Bilanzierungsstandards an. Diese sehen für den Goodwill den sogenannten Impairment-Test vor: In einem für Aktionäre intransparenten Verfahren, das wiederum vom Wirtschaftsprüfer testiert wird, prüfen die Unternehmen jährlich, ob der Goodwill abgewertet werden muss oder nicht.

In der Praxis führte dies dazu, dass die Unternehmen fast gar nicht mehr abschreiben – und wenn doch, dann nur in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wenn sich die überhöhten Firmenwerte gar nicht mehr rechtfertigen lassen. Weil in solchen Zeiten die Erträge ohnehin unter Druck sind, schwanken seit Einführung der neuen Bilanzierungspraxis die Gewinne der Konzerne und ihre Aktienkurse stärker als zuvor.

US-Konzerne schreiben den Goodwill schon länger nicht mehr ab, an der Wall Street gelten die verbindlichen Standards dafür seit 2001. Die Ausweitung dieser Regelung auf Deutschland hat alarmierende Konsequenzen: Innerhalb von nur zwölf Jahren hat sich der Goodwill-Anteil in den Bilanzen der Dax-Konzerne an das hohe Niveau der US-Unternehmen angepasst.

Konzerne wie Exxon, IBM oder Amazon tätigen Milliardenübernahmen. Die notwendigen Abschreibungen schieben sie auf die lange Bank, das US-Recht macht es ihnen leicht. Kritiker sprechen von Anlegertäuschung.

Fresenius zum Beispiel hat durch die vielen Zukäufe seinen Goodwill seit dem Liberalisierungsjahr 2005 von 4,7 auf 22,8 Milliarden Euro fast verfünffacht. Der Berg an Goodwill ist inzwischen sogar um eine Milliarde Euro höher als das gesamte Eigenkapital des Konzerns, also die rechnerische Differenz zwischen Aktiva und Passiva in der Bilanz.

„Abschreibungen drücken das Ergebnis, die Vergütung und den Aktienkurs“, begründet der Bilanzexperte Kai Lehmann vom Vermögensverwalter Flossbach & Storch die beliebte Praxis, den Goodwill einfach gar nicht abzuschreiben. „Abschreibungen sind das Eingeständnis, zu teuer gekauft zu haben, und das mag kein Vorstandschef gern von sich behaupten.“ Deshalb verzichten die meisten Unternehmen einfach ganz auf Abschreibungen des Goodwills.

Fresenius sieht das naturgemäß anders: „Die bilanzierten Firmenwerte werden jährlich geprüft und sind werthaltig“, stellt ein Konzernsprecher klar.

Keine Frage, die Bilanz des Gesundheitsspezialisten ist geprüft, vom Wirtschaftsprüfer testiert und damit formal über jeden Zweifel erhaben. Und solange die Geschäfte gut laufen, droht auch tatsächlich keine Gefahr. Zumal Fresenius sich über stetig steigende Geldzuflüsse (Cashflow) freut – auch dies eine Folge der aggressiven Akquisitionsstrategie.

Doch brechen die Konjunktur und die Nachfrage ein und damit auch die Erträge mit den neu erworbenen Firmen, oder überholt sich deren Geschäftsmodell, weil Wettbewerber plötzlich einfach besser sind, dann wäre Fresenius zu Abschreibungen gezwungen. Das verlangt das Bilanzrecht.

Angenommen, der Konzern müsste seinen Goodwill komplett abschreiben, dann wäre Fresenius überschuldet. Genau dieses Schicksal droht im Extremfall nach Berechnungen des Handelsblatts sieben weiteren Konzernen aus dem Dax. Die eigenständige Fresenius-Tochter Fresenius Medical Care, der Stahlhersteller Thyssen-Krupp, die Versorger Eon und RWE, die Senderkette Pro Sieben Sat 1, der Chemie- und Pharmaspezialist Merck sowie die Deutsche Post bilanzieren nach vielen Übernahmen inzwischen mehr Goodwill als Eigenkapital.

Läppisch geringe Abschreibungen

In den Bilanzen der Dax-Konzerne hat sich eine Blase nie gekannten Ausmaßes aufgepumpt. Ihr Gesamtvolumen: 267 Milliarden Euro. Zum Vergleich: In den USA schieben die 30 Großkonzerne im Dow Jones um Apple, Exxon, Microsoft & Co. mit 500 Milliarden Euro zwar doppelt so viel an Goodwill vor sich her. Allerdings ist ihr Eigenkapital mit 1,5 Billionen Euro auch doppelt so hoch – ihre Börsenbewertung fast fünfmal stärker. Kurzum, Deutschlands Konzerne stehen den Geschäftspraktiken an der Wall Street in nichts nach.

Die 267 Milliarden Goodwill der Dax-Konzerne entsprechen etwa der jährlichen Wirtschaftsleistung Dänemarks. Die Summe ist nach Handelsblatt-Berechnungen mehr als doppelt so hoch wie im Jahr 2005 – dem Startjahr für die heute gültige Praxis, überhöhte Firmenwerte nicht mehr zeitnah abschreiben zu müssen. Entweder waren also die Abschreibungsvorschriften bis 2005 viel zu streng, oder sie sind seitdem viel zu locker. Die Indizien sprechen für Letzteres.

Beispiel Adidas: Der Sportartikelhersteller hat im Januar 2006 für drei Milliarden Euro den amerikanischen Konkurrenten Reebok gekauft. Heute finden sich in den meisten Läden kaum noch Reebok-Schuhe. Die Konkurrenz um Nike, Asics und auch Adidas selbst ist einfach besser. Der neue Konzernchef Kasper Rorsted verordnete Reebok nun eine Schrumpf- und Fitnesskur.
Flossbach & Storch-Bilanzexperte Kai Lehmann: „Im Extremfall droht Unternehmen sogar die Insolvenz“

Brancheninsider sind sich sicher, dass Adidas sich glücklich schätzen könnte, heute maximal noch eine Milliarde Euro für Reebok zu bekommen – wenn überhaupt. Doch weder Rorsted noch zuvor Altchef Herbert Hainer konnten sich zu diesem Schritt durchringen. Ein Grund: Die bilanziellen Folgen wären riesengroß. 1,412 Milliarden Euro Goodwill stehen in der Adidas-Bilanz, das meiste davon entfällt wohl auf Reebok. Wie viel, erfahren Aktionäre nicht. Sie würden es aber erfahren, wenn Adidas seinen Dauer-Verlustbringer verkauft. In dem Moment wäre der Vorstand zur Abschreibung gezwungen. Die Folge: Das Jahresergebnis würde einbrechen oder sogar in die roten Zahlen rutschen.

Dabei ist Adidas sogar noch in einer komfortablen Situation. Denn gemessen am Eigenkapital von 6,5 Milliarden Euro und einem Börsenwert von 36 Milliarden Euro ist der Goodwill verkraftbar. Selbst eine Komplettabschreibung würde den Konzern nicht in den Ruin treiben. Dafür ist Reebok zu klein und Adidas zu groß und zu stark.

Das sieht bei RWE schon anders aus. An der Börse ist der Energiekonzern nach dem 70-prozentigen Kursanstieg seit Jahresbeginn zwölf Milliarden Euro wert. Doch wie in den früheren guten Jahren, als RWE mehr als 40 Milliarden Euro wert war, stehen in der Bilanz knapp zwölf Milliarden Euro an Goodwill, unter anderem für teuer erworbene Kraftwerke in Europa. Zwar hat RWE gerade erst über vier Milliarden Euro vor allem auf seine deutschen Kraftwerke abgeschrieben und ist deshalb 2016 tief in die roten Zahlen gerutscht. Doch diese Abschreibungen bezogen sich nur auf Sachanlagen und Anpassungen aus Währungsschwankungen. Auf einst zu teure Übernahmen, wie sie im Goodwill ausgewiesen sind, hat der Konzern nicht reagiert. „Es bestand kein Abschreibungsbedarf“, teilt eine Konzernsprecherin mit.

Etwas anderes kann sie gar nicht sagen. Schließlich hat der Wirtschaftsprüfer die Bilanz vor Veröffentlichung testiert. Fast der gesamte Goodwill, 10,7 von insgesamt 11,7 Milliarden Euro, steht bei der neu gegründeten und vollkonsolidierten Tochter Innogy in der Bilanz. An ihr hält RWE 76,8 Prozent der Anteile. Die Aktionäre der neuen Firma tragen also eine milliardenschwere Hypothek.

RWEs konsequente „Nicht-Abschreibungspraxis“ überrascht. Konkurrent Eon, wirtschaftlich in einer ganz ähnlichen Situation, hat allein in den zwei vergangenen Jahren 8,3 Milliarden Euro Goodwill abgeschrieben – und ist deshalb tief in die roten Zahlen gerutscht. Grund für Eons „Schlussstrich“ waren die abrupte Energiewende der Bundesregierung und sinkende Strompreise auf dem Spotmarkt. „Dies müsste sich eigentlich auch bei anderen Unternehmen der Branche in der Bilanz zeigen“, merkt Bilanzexperte Lehmann an. Er ist sich mit Experten einig, dass RWE noch bevorstehen könnte, was der Wettbewerber hinter sich gebracht hat.

Eons Chef Johannes Teyssen jedenfalls schloss mit Blick auf die Bilanz künftige böse Überraschungen aus: „Da haben die Aktionäre nichts Weiteres mehr zu befürchten.“ Mit dem jetzt laufenden Geschäftsjahr „wird Eon erstmals ein ,strunznormales‘ Unternehmen mit einer ,strunznormalen‘ Bilanz sein“, meinte Teyssen. Die Quittung für den Wechsel zu einer „strunznormalen“ Bilanz erhielten Anleger in den letzten beiden Geschäftsjahren: Den Abschreibungen folgten Verluste, Kurseinbrüche und niedrigere Dividenden.

Die Furcht vor genau dieser Kettenreaktion führt dazu, dass Abschreibungen nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme sind. Denn wer sich zu diesem ehrlichen Schritt entscheidet, zahlt einen hohen Preis. Eon und die Deutsche Bank haben in den vergangenen zwei Geschäftsjahren insgesamt knapp 14 Milliarden Euro allein an Goodwill abgeschrieben. Die Aktie der größten deutschen Bank fiel daraufhin auf ein Allzeittief. Eon notiert 80 Prozent unter seinem Rekordhoch.

39 Milliarden Euro haben alle 30 Dax-Konzerne zusammen seit 2005 abgeschrieben – das sind im Schnitt dreieinhalb Milliarden Euro pro Jahr. Das klingt nach einer großen Summe und ist doch läppisch wenig, wie eine Rechnung zeigt: Angenommen, die Unternehmen würden ihre zu teuren Firmenwerte wie in der Vergangenheit innerhalb von zehn Jahren abschreiben, dann hätten sich nach einer Analyse des Vermögensverwalters Flossbach & Storch seit dem Jahr 2005 Abschreibungen von 220 Milliarden Euro ergeben.

Jedes Dax-Unternehmen hätte nach alter Abschreibungspraxis also im Schnitt 500 Millionen Euro weniger verdient – und das Jahr für Jahr seit 2005 bis heute. Die Gewinne und damit der wichtigste Treiber für die Aktienkurse wären jedes Jahr vor Steuern um 25 Prozent niedriger ausgefallen.

Die nicht gerade für steile Thesen bekannte Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung in Berlin äußert den Verdacht, dass erst die dramatische Regeländerung seit dem Jahr 2005 Vorstände dazu animierte, riskante Übernahmemanöver anzugehen – eben weil überhöhte Kaufpreise nicht mehr abgeschrieben werden müssen.

Beispiel SAP: Seitdem der Amerikaner Bill McDermott Anfang 2010 Konzernchef ist, kauften die Walldorfer gut 20 Unternehmen hinzu. Allein der Datenbankspezialist Sybase, das Handelsnetzwerk Ariba, der Reisekostenanbieter Concur und der Cloudspezialist Successfactors kosteten knapp 20 Milliarden Euro. Als High-Tech-Unternehmen besitzt SAP nicht viel Anlagevermögen. Klar, der Wert fast aller IT-Firmen des 21. Jahrhunderts gründet kaum auf Maschinen und Fuhrparks, sondern vor allem auf dem Know-how der Mitarbeiter. Und richtig ist auch, dass etwa Ariba über ihre Plattform das Handelsvolumen innerhalb von fünf Jahren von 350 auf 900 Milliarden Euro steigerte. Die Walldorfer sehen deshalb „keinen Bedarf“ für eine Abschreibung, „im Gegenteil: Die Werthaltigkeit ist nicht gesunken, sondern gestiegen“, stellt ein Konzernsprecher klar.

Fakt bleibt, dass SAP viel Geld bezahlte: Der Goodwill erhöhte sich seit Anfang 2010 von fünf auf 23 Milliarden Euro. Bisherige Abschreibungen: Fehlanzeige. Aus dem einst organisch, also aus eigener Kraft wachsenden Unternehmen wurde ein durch viele teure Übernahmen immer größerer Konzern. Das ist aus Anlegersicht chancen-, aber eben auch risikoreicher als das alte SAP-Modell.

Auch Bayer wäre dem Übernahmefieber wohl nicht erlegen, wenn die alte Abschreibungspraxis noch gelten würde. Dreimal erhöhte der Leverkusener Pharmakonzern sein Gebot für Monsanto, um nun voraussichtlich mit rund 60 Milliarden Euro zum Zuge zu kommen. Das ist ein Aufschlag von 44 Prozent auf den Marktwert von Monsanto zum Zeitpunkt vor Bayers erstem Gebot.

Da stellt sich die Frage: Sollte die Wall Street das Potenzial Monsantos derart verkannt haben? War Monsanto also krass unterbewertet, so dass sich für Bayer ein Aufpreis von 44 Prozent rechtfertigt?

Wohl kaum. Sobald der Deal bilanziell verbucht wird, dürfte sich Bayers Goodwill nach Schätzung des auf Bewertungsfragen spezialisierten Beratungshauses Duff & Phelps um bis zu 20 Milliarden Euro erhöhen. „Der Goodwill wird erheblich sein“, räumte Bayers Konzernchef Werner Baumann in dieser Woche ein. Unter dem Posten „Goodwill“ stehen aus vergangenen Übernahmen bereits jetzt 16 Milliarden Euro in der Bayer-Bilanz. Kaum vorstellbar, dass die Leverkusener bei dem neuerlichen Kauf an Abschreibungen denken. Nach alter, bis 2005 gültiger Praxis hätte Bayer hingegen zehn Jahre lang einen Großteil seines operativen Gewinns für Abschreibungen aufwenden müssen.

Dazu wird es nun nicht mehr kommen. Aktionäre werden vielmehr darauf spekulieren müssen, dass Monsanto alle Hoffnungen erfüllt. Nicht nur in den nächsten Jahren, sondern Jahrzehnten. Dann – und nur dann – kommt Bayer um Abschreibungen und Verluste nach dem teuren Deal herum.

Ob Bayer, Fresenius oder SAP: Die Aussicht, sich die Gewinn-und-Verlust-Rechnung nach einer Übernahme nicht mehr mit hässlichen Abschreibungen verunzieren zu müssen, treibt den aktuellen Übernahmeboom. Ebenso wie die niedrigen Zinsen, die hohe Schulden verkraftbar erscheinen lassen. In den USA ist die Lage ähnlich.

Dieses Perpetuum mobile läuft, solange es keinen Konjunktureinbruch gibt. Denn dann steigt schlagartig der Abschreibungsbedarf: Die Konzerngewinne und in Folge die Aktienkurse brechen ein, was weitere Abschreibungen nach sich zieht. Es zeigt sich die typische Kettenreaktion, die durch eine geplatzte Spekulationsblase ausgelöst wird.

„This time is different“: Diese Hoffnung hat bislang noch jedes Mal getrogen.

http://www.handelsblatt.com/my/unterneh ... 8-all.html

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„Im Extremfall droht Unternehmen sogar die Insolvenz“

Bilanzexperte Kai Lehmann von Flossbach & Storch sorgt sich wegen der laxen Abschreibungspraxis deutscher Firmen. Im Interview spricht er über teure Übernahmen und erklärt, wie der Goodwill bei der Aktienbewertung hilft.
von Ulf Sommer - 22.06.2017


Der Ökonom besitzt die seltene Gabe, sich mit komplizierten Bilanzen und ihrem Fachchinesisch auszukennen – und dennoch verständlich zu sprechen. Seine Warnung fällt eindeutig aus.

Herr Lehmann, der Dax steigt und steigt, warum?
Das ist keine ganz große Überraschung: Das Wirtschaftswachstum ist robust, moderat und damit okay, der Arbeitsmarkt brummt, und die Unternehmensgewinne wachsen stetig.

Brexit, Trump – selbst Hiobsbotschaften können den Börsen anscheinend nichts anhaben.
Angesichts der extrem niedrigen Zinsen treibt der Anlagenotstand immer neues Geld an die Börse. Kleinste Kursschwächen nutzen die Anleger sofort zum Einstieg.

Der Dax hat sich seit 2009 mehr als verdreifacht. Sind Aktien zu teuer?
Nein, das kann man so pauschal nicht sagen. Die Gewinne der Unternehmen wachsen stetig und mit ihnen die Kurse. Das ist abzulesen an einem immer noch moderaten Kurs-Gewinn-Verhältnis. Es liegt nur ganz leicht über dem langjährigen Durchschnitt.

Und welche Rolle spielen die vielen teuren Übernahmen, wie wir sie fast täglich erleben?
Angesichts rekordtiefer Zinsen sehen immer mehr Unternehmen im Wachstum durch Übernahmen eine Alternative zu eigenen Investitionen und organischem Wachstum.

Woran erkennen Anleger, ob Übernahmen teuer sind?
Viele Unternehmen bezahlen immer höhere Aufpreise auf den aktuellen Börsenkurs. Interessant daran ist allerdings, dass die Unternehmen trotz höherer Aufpreise kaum noch abschreiben und deshalb immer höhere Goodwill-Bestände auftürmen.

Warum sind hohe Goodwills eine Gefahr?
Die Höhe drückt aus, wie viel ein Unternehmen für eine übernommene Firma über den objektiv fairen Wert hinaus zu viel bezahlt hat. Dafür gibt es keinen materiellen Gegenwert, sondern nur Hoffnungen. Erfüllen sich diese nicht, muss der Konzern den zu viel gezahlten Preis abschreiben.

Ist das so schlimm?
Es drohen Verluste und rote Zahlen, im Extremfall sogar die Überschuldung bis hin zur Insolvenz, wenn ein Unternehmen weniger Eigenkapital als Goodwill ausweist und gezwungen wäre, diesen komplett abzuschreiben.

Kann das passieren?
Theoretisch ja, beispielsweise wenn Geschäftsfelder durch regulatorische Veränderungen massiv einbrechen oder wenn die Produkte der gekauften Firmen plötzlich nicht mehr gefragt sind.

Und dann muss ein Unternehmen seinen Goodwill abschreiben, auch im Bewusstsein, die Insolvenz herbeizuführen?
Die Unternehmen werden in solch einem Fall vermutlich genügend Kreativität erzeugen, um Totalabschreibungen zu verhindern. Die Transparenz bei den sogenannten Impairment-Tests ist für Investoren leider sehr gering.

Selbst in der Wirtschaftskrise 2009 haben die Konzerne so gut wie nichts abgeschrieben. Wäre es möglich, dass der Bilanzposten Goodwill immer weiter wächst und sich niemand darum schert?
Im Prinzip beobachten wir genau das. Ab einem gewissen Punkt sind aber Zweifel angebracht, ob diese Entwicklung sich immer weiter fortsetzen kann.


Warum schreiben die Unternehmen so wenig ab?
Abschreibungen drücken das Ergebnis, den Aktienkurs und damit oftmals auch die Vergütung. Sie sind das Eingeständnis, zu teuer gekauft zu haben. Das mag kein Vorstandschef gern von sich behaupten.

Wer also heute Aktien aus dem Dax erwirbt, kauft damit bei vielen Titeln teure Übernahmen gleich mit?
Das lässt sich nicht vermeiden. Kleiner Trost: Diesen Trend gibt es angesichts niedriger Zinsen nicht allein in Deutschland, sondern auch an der Wall Street und in weiten Teilen Europas.

Welche Aktien sind denn nach den vielen Übernahmen teuer?
Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich mich zu Einzeltiteln nicht äußern darf. Aber einen guten Hinweis bekommen Anleger, die den Goodwill in Relation zum Eigenkapital setzen.

Wie das?
Je höher der Goodwill zum Eigenkapital ist, desto stärker wirken sich Abschreibungen auf das Eigenkapital aus – und desto risikoreicher ist diesbezüglich die Aktie. Kleine Einschränkung: Im Pharma- und IT-Bereich werden höhere Prämien bezahlt. Deshalb sind hier die Goodwills höher als im klassischen Industrie- und Bankensektor.

Vor über acht Jahren startete der Börsenaufschwung. Wie lange wird der Dax noch steigen?
Zugegeben, der Aufschwung ist schon recht betagt. Aber solange die Zinsen niedrig bleiben und die Wirtschaft brummt, spricht nichts gegen eine Fortsetzung des Trends. Und langfristig kommen Anleger an Aktien qualitativ hochwertiger Unternehmen ohnehin nicht herum.

Herr Lehmann, vielen Dank für das Gespräch.

http://www.handelsblatt.com/my/unterneh ... 67716.html


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Bilanzrecht in den USA

Bei Amerikas Konzernen fehlt der gute Wille

Konzerne wie Exxon, IBM oder Amazon tätigen Milliardenübernahmen. Die notwendigen Abschreibungen schieben sie auf die lange Bank, das US-Recht macht es ihnen leicht. Kritiker sprechen von Anlegertäuschung.
von Thomas Jahn - 22.06.2017


New YorkAlle Welt nutzt die Cloud. Das sind IT-Dienste, die aus einer internetbasierten „Wolke“ stammen. Ähnlich wie Strom aus der Steckdose kommen jetzt Unternehmensdienstleistungen wie Rechnungsprüfung oder Lagerbestandshaltung je nach Bedarf aus dem Internet. Vorbei ist die Zeit der Server oder Großraumrechner, das ewige Aufspielen neuer Software.

IBM sah das lange Zeit anders. Das war nur zu verständlich, verdiente doch „Big Blue“ sehr viel Geld mit der Hardware, die sich die Firmen vor dem Zeitalter der Cloud ins Haus holen mussten. IBM-Chefin Ginni Rometty hatte erst spät ein Einsehen. Mitte 2013 kaufte sie für zwei Milliarden Dollar den Cloudanbieter Softlayer, investierte dazu noch eine Milliarde Dollar in das Geschäft der amerikanischen Firma.

Viel genutzt hat es bislang nicht. Der Handelsriese Amazon mit AWS und der Softwarekonzern Microsoft mit Azure dominieren den Markt, IBM liegt abgeschlagen auf Platz drei. Laut IT-Dienst IDC wird Big Blue 2017 noch weiter zurückfallen, derweil Google massiv aufholt. Nach Ansicht von Investmentberater Arne Alsin war die Übernahme von Softlayer ein Fehlschlag, es fehlen die Großkunden, das Angebot sei nicht gut genug aufgestellt. Laut Alsin müssten bis zu 90 Prozent des investiertes Geldes von IBM abgeschrieben werden: „Das ist eine Notwendigkeit.“

Allerdings wird IBM dies kaum tun. Seit 2000 kaufte der Konzern Branchenkennern zufolge mehr als 125 Firmen, ohne auch nur einmal den Goodwill abzuschreiben, also den gezahlten Aufpreis auf den Buchwert der Firmen. „Das ist merkwürdig“, merkt der Investmentberater Alsin kritisch an, „niemand ist so unfehlbar.“ IBM glaubt es aber zu sein: Einem Eigenkapital von 18,3 Milliarden Dollar stehen inzwischen 36,2 Milliarden Dollar an Goodwill gegenüber. Im Jahr 2000 waren es ganze 848 Millionen Dollar. Kurz nach der Jahrtausendwende hatte die Wall Street ihre Finanzmarktregeln gelockert.

IBM spiegelt einen amerikanischen Trend wider: Die niedrigen Zinsen, der starke Dollar und die brummende US-Wirtschaft haben eine Übernahmewelle ausgelöst. Das Unternehmenslenker sich dabei die Gewinn-und-Verlust-Rechnung nicht mehr mit hässlichen Abschreibungen auf überhöhte Kaupreise verunzieren müssen, treibt die Welle zusätzlich an. Folge: Belief sich der gesamte Goodwill der 30 Großkonzerne im Dow-Jones-Aktienindex vor einem Jahrzehnt auf 364 Milliarden Dollar, so sind es heute 574 Milliarden.

Laut den US-Rechnungslegungsgrundsätzen „Generally Accepted Accounting Principles“ (GAAP) muss Goodwill seit 2002 nicht mehr über 40 Jahre abgeschrieben werden. Die US-Börsenaufsicht wollte die Abschreibungsfrist damals auf 20 Jahren verschärfen, die Unternehmen wehrten sich per Lobbyarbeit. So gibt es heute gar keine Frist mehr. Ähnlich wie in Deutschland müssen die Unternehmen lediglich jedes Jahr einen „Impairment-Test“ vornehmen, um möglichen Abschreibungsbedarf zu identifizieren. Bei diesem Test gibt es viel Spielraum. Die GAAP-Richtlinien erschweren eine Abschreibung sogar: Wird einmal abgeschrieben, kann der Vermögenswert bei veränderten Marktverhältnissen nicht wieder aufgewertet werden – das ist in Deutschland anders.

Berichtigung? Überflüssig

Der Unterschied wirkt sich vor allem bei Energiefirmen aus, die ihre Öl- und Erdgasreserven bewerten müssen. Sie leiden unter schwachen Marktpreisen und möglichen C02-Steuern aufgrund der Klimaerwärmung. So haben die europäischen Konzerne Shell, Total und BP seit 2014 den Wert ihrer Vorkommen insgesamt um 50 Milliarden Dollar heruntergesetzt. Nicht mit dabei ist US-Exxon Mobil. Laut dem Unternehmen seien die Reserven so konservativ bewertet, dass eine Berichtigung überflüssig sei. Kurzfristige Marktschwankungen würden nicht berücksichtigt. Nebeneffekt: Der Kurs von Exxon schnitt besser ab als der von Konkurrenten.

Der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman wittert hier falsches Spiel – und untersucht seit 2015 Exxon Mobil. Vor wenigen Tagen schrieb er in Gerichtsdokumenten, dass die Bewertungsmaßstäbe von Exxon Mobil „nur zum Schein“ die Auswirkungen von globaler Erwärmung miteinbeziehen, der Konzern würde Aktionäre „hinters Licht führen“. Die Reaktion von Exxon Mobil war scharf, Schneiderman würde eine „politische Hexenjagd“ durchführen.

Exxon Mobil kaufte 2009 für stolze 31 Milliarden Dollar den US-Erdgasproduzenten XTO Energy. Damals lagen die Erdgaspreise doppelt so hoch wie heute. Trotzdem nahm Exxon lange Zeit keine Abschreibung vor. „Es ist unmöglich, dass die Vermögenswerte nicht an Wert verloren haben“, schrieb Analyst Paul Sankey von Wolfe Research. Anfang 2017 gab Exxon zögerlich nach und schrieb bei XTO zwei Milliarden Dollar ab – ganze sechs Prozent des Kaufpreises.

Exxon Mobil steht nicht allein. Fast alle Konzerne, quer durch alle Branchen, häufen seit Jahren Goodwill an. Apple erhöhte ihn seit dem Jahr 2000 von 30 Millionen auf 5,4 Milliarden Dollar, Cisco von vier auf 27 Milliarden Dollar, Johnson & Johnson von drei auf 23 Milliarden Dollar und General Electric von 23 auf 70 Milliarden Dollar. Grund dafür ist der Übernahmeboom.

Keine Woche ohne eine Großakquisition: Amazon kauft die Biosupermarktkette Whole Foods für fast 14 Milliarden Dollar, T-Mobile verhandelt in den USA mit Konkurrent Sprint über eine Fusion – im Gesamtwert von rund 86 Milliarden Dollar. Vor einigen Monaten übernahm Qualcomm den holländischen Chipkonkurrenten NXP für fast 47 Milliarden Dollar, der Zigarettenhersteller British American Tobacco übernimmt Reynolds American für 49 Milliarden Dollar.

Das Gesamtvolumen von Fusionen und Übernahmen lag 2016 bei 1,3 Billionen Dollar, ein Rekordwert. Der Grund liegt im billigen Geld. Die US-Notenbank Fed senkte als Reaktion auf die Finanzkrise die Zinsen frühzeitig und stark. Jetzt erholt sich die US-Wirtschaft, und die Fed erhöht die Leitzinsen langsam, aber stetig – was wiederum „den Druck erhöht, Deals schnell durchzuziehen“, wie Kirsty Wilson, Marktforschungschefin der Finanzberatung Mergermarket, sagt. Nur so profitieren die Unternehmen noch von niedrigen Zinsen.

Darüber hinaus notieren die Aktienkurse auf Rekordhöhe – und sind damit eine günstige Akquisitionswährung, wenn mit Aktien bezahlt wird. Auch fehlt es nicht an Cash. Die Bargeldbestände bei den 500 im S&P-Index notierten Unternehmen belaufen sich auf mehr als 1,5 Billionen Dollar. Hinzu kommen im Ausland geparkte Bargeldbestände, die sich laut Wirtschaftsdienst Accounting Observer auf 2,4 Billionen Dollar belaufen.

Warum nehmen Unternehmen so ungern Abschreibungen vor ? Manager wie IBM-Chefin Rometty gestehen ungern Fehler ein. Auch wirken sich Berichtigungen negativ auf Aktienkurs und Bonuszahlungen aus. Vorstände verdienen in den USA deutlich mehr als in Deutschland, nicht zuletzt, weil sie von Aktienoptionen profitieren. Rometty erhielt 2016 nach Angaben der Beratungsfirma ISS vor allem durch Optionen mehr als 50 Millionen Dollar, was sie mit zu den höchstbezahlten Managern der USA machte. Und das in einer Zeit, in der die Umsätze und der Aktienkurs von IBM fielen.

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Re: Gedanken und dieses & jenes

Beitragvon johannes » 26.03.2018, 23:09

@ lucky & Ville

Im privaten Bereich findet Ihr Post - wenn die Technik mitgespielt hat.


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